Es gibt, verehrte Leserin, verehrter Leser, in der Geschichte der bürgerlichen Seele gewisse Augenblicke, in denen sie sich, ohne es zuzugeben, in eine Kapelle begibt. Nicht in eine Kapelle aus Stein mit Altären und Weihrauch, sondern in eine solche, die aus Geräten, Prospekten und freundlich lächelnden Programmen besteht; denn unsere Zeit hat, wie sie überhaupt alles, was einmal Schicksal hieß, in Dienstleistung verwandelt, auch das Gewissen in eine Abteilung umgebaut. Sie heißt nicht mehr Beichte, sie heißt Check. Nicht mehr Askese, sie heißt Optimierung. Nicht mehr Buße, sie heißt Prävention.
Und weil die moderne Moral nicht gern von Sünde spricht – das Wort wäre zu schwer, zu mittelalterlich, zu unerquicklich –, spricht sie von Werten. Man hat Werte, wie man Kontostände hat; und wie beim Kontostand ist das eigentlich Schlimme nicht die Armut, sondern die Abweichung. Man kann gesund sein, ja; aber man kann, in einem einzigen kleinen Nebenwort, plötzlich nicht mehr ganz gesund sein, sondern „normal hoch“. Man kann, mit einem Lächeln, in einen Zwischenraum geschoben werden, der so bequem ist wie eine Hotelliege und so hartnäckig wie ein Schicksal.
Hans Castorp hatte am Ende des vorigen Tages – jenes Tages im Blauen, der ihn, zwischen Chlor und Schnee, mehr erschöpft hatte als jede richtige Anstrengung – ein wenig geschlafen, nicht tief, nicht lang, aber ehrlich. Ehrlichkeit ist im Bademantel, wie wir wissen, leichter als im Smoking; und vielleicht ist sie überhaupt leichter, wenn man warm liegt und draußen die Welt weiß ist.
Als er erwachte, war sein Kopf klarer, aber nicht frei. Die Nacht hatte sich in ihn zurückgezogen wie ein Tier in seine Höhle: man sieht es nicht, aber man weiß, es ist da. Er lag noch immer auf jener Liege im Ruheraum, die auf Rädern stand wie ein Kompromiss zwischen Freiheit und Patientenschaft; die braune Decke lag über ihm, schwer und weich, als wolle sie ihm sagen: Bleib. Die Fenster waren nicht mehr beschlagen; der Schnee draußen lag wie ein frisch gespannter Verband, und irgendwo, im Haus, summte die Technik jenes beruhigende Summen, das sagt: Alles ist unter Kontrolle.
Hans Castorp zog die Hand aus der Tasche seines Bademantels.
Das Holzstäbchen war noch da.
Er hielt es zwischen Daumen und Zeigefinger und betrachtete es, als sei es ein Ausweis. In gewissem Sinne war es das auch: ein Ausweis für eine Begegnung, die nicht dokumentiert werden durfte; und ein Ausweis dafür, dass es in diesem Haus, bei aller Kamera- und Programmordnung, Dinge gibt, die nur zwischen zwei Menschen stattfinden – und deshalb gefährlich sind.
Er steckte es wieder ein.
Dann stand er auf.