In diesem Moment ging die Tür der Halle auf, und ein Hauch von kalter Luft fiel hinein wie ein moralischer Einwand. Man sah, durch die Glasfront, das Weiß des Schnees, die Sonne, die so klar und scharf stand, als wolle sie alles, was drinnen weich ist, draußen hart machen.
„Ich gehe raus“, sagte Morgenstern plötzlich. „In das Außenbecken. Wollen Sie…?“
Hans Castorp zögerte. Draußen war die Kälte. Drinnen war das Blau. Draußen war der Schnee, der alles bedeckt – auch das Gras, das angeblich blau gewesen sein soll.
Und Hans Castorp hatte, wie wir wissen, eine besondere Beziehung zu allem, was zwischen den Ordnungen liegt.
„Ja“, sagte er.
Sie gingen.
Man muss sich das, verehrte Leserin, verehrter Leser, nicht als heroischen Gang vorstellen, sondern als das, was es war: zwei Männer in weißen Bademänteln, die über einen Steinboden gingen, an dem die Wärme aufstieg wie eine Dienstleistung. Sie gingen durch eine Schleuse, durch eine Glastür, und plötzlich war da Luft, die so kalt war, dass sie nicht nur die Haut, sondern die Gedanken zusammenzog.
Draußen lag die Welt wie ein Bild.
Schnee auf den Tischen, Schnee auf den Stühlen, Schnee auf den Wegen, Schnee auf den Bäumen; und die Sonne stand darüber, groß und blendend, als sei sie das Logo des Hauses in kosmischer Ausführung. In der Ferne lagen Berge, blau‑grau, mit Wolken daran, und das Tal darunter schien so weit weg, dass es kaum real war.
Zwischen all diesem Weiß lag Wasser: ein Becken, dampfend, warm, ein Stück Sommer, das man in den Winter hineingestellt hatte. Die Oberfläche war, trotz des Dampfes, klar. Man sah die Kanten aus Stein. Man sah Leitern aus Metall. Und Hans Castorp empfand, wie in ihm ein Gedanke aufstieg, der zugleich banal und richtig war: Dass jede Lagune, so sehr sie auch nach Natur aussieht, immer eine Konstruktion ist.
Sie stiegen hinein.
Das warme Wasser schlug ihnen gegen die Beine, gegen den Bauch, gegen die Brust; und über der Wärme stand die Kälte der Luft, so dass man, wenn man atmete, den eigenen Atem sah – als wäre man ein Tier. Der Dampf legte sich auf die Haare, auf die Augenbrauen, und Morgenstern sah, mit seinem beschlagenen Blick, noch einmal wie eine Maske aus.
Sie setzten sich auf eine der steinernen Kanten, halb im Wasser, halb draußen. Das war, dachte Hans Castorp, die angenehmste Position: immer zwischen den Elementen.
„Sehen Sie“, sagte Morgenstern, und er deutete mit einer nassen Hand auf das Weiß. „Da draußen ist kein Gras. Und doch habe ich gestern behauptet, es sei blau.“
Hans Castorp sah in die Schneeflächen, in die Fichten, und er dachte: Das Gras ist nicht blau. Es ist nur verborgen. Und verborgen ist es auf eine Weise, die tröstlich wirkt, weil sie sagt: Alles wächst weiter, auch wenn man es nicht sieht.
„Vielleicht“, sagte er, „haben Sie es nur unter dem Schnee gesehen.“
Morgenstern lachte leise.
„Nein“, sagte er. „Ich habe es… gemacht. Mit Worten.“
Hans Castorp nickte.
Worte machen. Das ist das, was Worte tun. Und manchmal, dachte er, machen sie so gut, dass der, der spricht, selbst glaubt, was er gemacht hat. Das ist die eigentliche Gefahr: nicht die Lüge, sondern die Selbstüberzeugung.
„Es ist schlimm“, sagte Morgenstern, und seine Stimme klang im Dampf gedämpft, „wenn man merkt, dass man nicht nur Witze macht, sondern Wirklichkeiten.“
Hans Castorp sah auf die Wasseroberfläche. Sie spiegelte den Himmel, blau, und er dachte, dass man in Wasser alles spiegeln kann, sogar die Unschuld. Und dass das Wasser dabei nicht lügt; es zeigt nur.
„Sie haben Kinder“, sagte Hans Castorp, mehr als Feststellung denn als Frage.
Morgenstern nickte.
„Ja“, sagte er. „Und wissen Sie, was das Schlimmste ist? Kinder lernen, wie man spricht. Und wie man schweigt. Und wie man verdreht. Sie lernen es, ohne dass man es ihnen beibringt.“
Hans Castorp dachte an die Kinder am Süßigkeitentisch, an ihre gierige Unschuld, an ihre Ehrfurcht vor dem Handwerk. Er dachte: Kinder sind Wahrheitsbringer. Und Wahrheitsbringer sind gefährlich.
Sie schwiegen eine Weile.
Dann sagte Morgenstern, plötzlich, mit einer Art Trotz:
„Ich habe diese Vorsätze nicht gemacht, weil ich ein guter Mensch sein will. Ich habe sie gemacht, weil ich Angst habe.“
Hans Castorp sah ihn an.
„Angst wovor?“ fragte er.
Morgenstern blickte auf seine Hände, die im Wasser lagen, rosig von der Wärme.
„Davor, dass meine Frau irgendwann…“ Er suchte nach dem Wort und fand es nicht. Dann sagte er: „…weg ist. Nicht körperlich. Sondern innerlich. Dass sie mir nicht mehr glaubt. Dass sie sich nicht mehr sicher fühlt. Dass sie…“ Er brach ab.
Hans Castorp dachte an den Satz an der Wand der Empfangshalle: Freude dem, der kommt. Freude dem, der geht. Er dachte: Es gibt ein Gehen, das kein Gehen ist. Und es gibt ein Bleiben, das kein Bleiben ist.
„Das ist“, sagte er, „eine vernünftige Angst.“
Morgenstern sah ihn an, erstaunt. „Vernünftig?“
Hans Castorp lächelte.
„Vernünftig“, sagte er. „Weil sie Ihnen sagt: Sie sind nicht allein auf der Welt. Und das ist, wenn man es genau nimmt, die einzige Moral.“
Morgenstern schloss die Augen, als wolle er diesen Satz speichern.
In diesem Moment, am Rand des dampfenden Beckens, zwischen Schnee und Blau, empfand Hans Castorp eine merkwürdige Verschiebung in sich. Es war nicht, dass er plötzlich ein besserer Mensch geworden wäre – dergleichen geschieht nicht in einem Thermalbecken –, sondern dass er, für einen Augenblick, die Nähe eines anderen Lebens spürte: eines Lebens mit Frau, mit Kindern, mit einer Schuld, die nicht politisch ist, sondern privat; mit Vorsätzen, die nicht Geschichte machen, sondern Frühstück.
Es war ein toniohaftes Gefühl: Sehnsucht nach der Normalität, die einen zugleich rührt und demütigt.
„Sie werden das nicht perfekt machen“, sagte Hans Castorp.
Morgenstern öffnete die Augen. „Ich weiß.“
„Aber vielleicht“, fuhr Hans Castorp fort, „machen Sie es… ehrlich. Und das ist, wenn man so will, schon eine Art Kunst.“
Morgenstern lächelte schief.
„Kunst“, sagte er. „Ich dachte, Kunst ist etwas anderes. Etwas mit… Talent.“
Hans Castorp dachte an Kautsonik: Das ist mein Talent. Ich bleibe.
„Talent“, sagte er, „ist manchmal nur die Fähigkeit, etwas immer wieder zu versuchen, obwohl man weiß, dass man scheitern wird.“
Morgenstern sah ihn an, und man merkte, wie er diesen Satz brauchte.
Sie stiegen, irgendwann, wieder aus dem Wasser.
Die Kälte traf sie wie eine Zurechtweisung. Sie gingen, dampfend, über den Schnee‑gesäumten Weg, und Hans Castorp spürte, wie seine Haut, die eben noch weich gewesen war, sich zusammenzog; und er dachte: So ist es mit der Moral. Warm im Innern, kalt draußen.
Morgenstern deutete auf einen kleinen Pfad, der zwischen verschneiten Sträuchern hindurchführte. Dort standen niedrige Lampen, die trotz des Tages leuchteten, als wolle man dem Weg eine Sicherheit geben, die der Natur fehlt.
„Da ist die Hütte“, sagte Morgenstern.
Sie gingen hin.
Der Weg führte durch Schnee, der an den Rändern hoch lag wie erstarrte Wellen. Fichten bogen sich unter der Last. Und am Ende stand ein kleines Holzhaus, schlicht, mit einem Dach, auf dem der Schnee dick lag; aus den Fugen schien Wärme zu kommen, und die Tür wirkte wie die Tür zu einem Geheimnis. Ein Seil begrenzte den Zugang, als müsse man auch dem Übermut eine Ordnung geben.
Vor der Hütte stand eine Gestalt, in Bademantel, und wartete. Sie sah aus wie ein Patient, der aufgerufen wird. Hans Castorp dachte: Auch die Sauna hat ihren Wartesaal.
Morgenstern blieb stehen.
„Da drin“, sagte er leise, „ist es sehr heiß.“
„Das ist der Sinn“, sagte Hans Castorp.
Morgenstern nickte.
„Ja“, sagte er. „Hitze ist… Wahrheit. Man kann darin nicht gut lügen.“
Hans Castorp dachte an seine eigene Vergangenheit und empfand, wie unerquicklich es ist, wenn ein Satz so richtig ist.
Sie gingen nicht hinein.
Nicht, weil sie Angst vor der Hitze gehabt hätten, sondern weil die Anwesenheit der Wartenden ihnen plötzlich bewusst machte, dass auch dies hier eine Bühne ist. Man beichtet nicht gern, wenn andere auf ihren Einsatz warten.
Sie gingen stattdessen zurück in das Haus, in jene Räume, die dem Ausruhen gewidmet sind.