Hans Castorp spürte, wie ihm eine kleine Kälte über den Rücken lief, obwohl das Wasser warm war. Es war nicht Scham, nicht Angst – es war dieser unangenehme Moment, in dem man merkt, dass ein anderer Mensch, ganz gewöhnlich, in seinem ganz gewöhnlichen Leben, mit denselben Mechanismen hantiert, die man selbst aus Gründen des Überlebens perfektioniert hat: das Verwischen, das Verdrehen, die Maske.
„Und jetzt?“ fragte Hans Castorp.
Morgenstern zog etwas aus der Tasche seines Bademantels.
Es war ein Telefon. Ein Handapparat, wie man ihn heute trägt, als sei er ein Organ; das Glas seiner Oberfläche glänzte, und in diesem Glas spiegelte sich das Blau des Wassers. Morgenstern wischte mit dem Daumen darüber, und Hans Castorp empfand, mit einem leisen Widerwillen, wie mühelos die Moral heute auf einem Bildschirm erscheint.
„Ich habe fünf Vorsätze“, sagte Morgenstern, und es klang, als spräche er von fünf Tabletten, die man täglich nehmen muss.
„Fünf“, wiederholte Hans Castorp.
„Ja“, sagte Morgenstern. „Man muss das… benennen. Sonst verwischt es.“
Hans Castorp hörte das Wort „verwischen“ und dachte unwillkürlich an das Holzstäbchen in seiner Tasche. Es war, als hätten sich die Motive verschworen.
„Erstens“, sagte Morgenstern, und seine Stimme nahm jene feierliche Sachlichkeit an, die moderne Menschen haben, wenn sie versuchen, ernst zu sein, ohne pathetisch zu wirken. „Respekt.“
Er hob den Blick vom Bildschirm und sah Hans Castorp an, als wolle er prüfen, ob das Wort eine Wirkung hat.
„Ich will meiner Frau in jeder Situation respektvoll begegnen“, sagte er, „in Worten, Tonfall und Verhalten. Auch vor anderen. Besonders vor anderen. Keine abwertenden Kommentare, kein Spott, keine öffentlichen Spitzen. Kritik…“ Er schluckte. „…nur privat. Ruhig. Sachlich.“
Hans Castorp nickte langsam. Er dachte an die Nacht, an das französische „un peu bourgeois“, an die Bosheit, die zugleich Kuss war. Er dachte, wie verführerisch Spott sein kann – und wie leicht er, wenn er nicht mehr zärtlich ist, zu einer Art Gewalt wird.
„Der Tonfall“, sagte er, leise, „ist oft das Messer. Das Wort ist nur die Scheide.“
Morgenstern sah ihn an, und in seinem Blick lag Dankbarkeit – oder vielleicht nur Erleichterung, dass jemand das Messer erkennt.
„Zweitens“, fuhr er fort. „Mitgefühl.“
Er sprach das Wort, als müsse er es sich selbst beibringen.
„Wenn meine Frau emotional belastet ist“, sagte er, „reagiere ich zuerst mit Mitgefühl und Zuwendung. Nicht mit Bewertung. Nicht mit Rechtfertigung. Gefühle…“ Er atmete aus. „…nicht relativieren. Nicht psychologisieren. Nicht als Schwäche sehen.“
Hans Castorp dachte an das Wort „Humanität“, an Settembrini, den er nie wieder gesehen hatte; und er dachte, wie unerquicklich es ist, dass man heute die Humanität in Sätzen formuliert, die wie Bedienungsanleitungen klingen. Und doch, dachte er, ist es vielleicht besser, eine Bedienungsanleitung zu haben, als gar keine. Denn der Mensch, wenn er sich selbst überlassen ist, bedient oft die falschen Geräte.
„Mitgefühl“, sagte Hans Castorp, „ist manchmal nur die Fähigkeit, das eigene Urteil einen Moment lang zu vertagen.“
Morgenstern nickte. Er sah wieder auf das Telefon, als hätte er Angst, dass die Worte verschwinden.
„Drittens“, sagte er. „Verantwortung.“
Hans Castorp spürte, wie sich in ihm etwas zusammenzog.
Verantwortung: ein Wort, das in seinem Körper noch immer nach Schuss klang.
Morgenstern sagte, bemüht ruhig:
„Ich übernehme Verantwortung für meinen Anteil an Konflikten. Für die Dynamik. Nicht alles auf meine Frau schieben, nicht auf Umstände. Ich will mein eigenes Verhalten sehen. Meine Muster. Meine Wirkung. Wenn ich falsch war…“ Er stockte und brachte dann, als hätte er einen Stein gehoben, das Wort heraus: „…entschuldigen. Und ändern.“
Hans Castorp schwieg einen Moment zu lange.
Morgenstern sah ihn an. „Ist das… klingt das für Sie albern?“
Hans Castorp schüttelte langsam den Kopf.
„Es klingt“, sagte er, „gefährlich.“