Hans Castorp sah ihn an.
„Hier?“ fragte er.
Kautsonik deutete mit einer kleinen Handbewegung auf die Halle, auf den Leuchter, auf den Tresen, auf die Worte an der Wand.
„Hier“, sagte er. „Im Stehen. An der Rezeption. Das wäre mir recht. Ich habe immer gesagt: Wenn ich schon gehe, dann so, dass ich nicht umfalle wie ein Gast.“
Hans Castorp spürte, wie sich in ihm eine Wärme regte – eine Mischung aus Komik und Abgrund, wie sie Mann liebt. Er dachte: Dieser Mann, der sein Leben lang gedient hat, wünscht sich den Tod als Dienst. Und ich, der ich mich dem Dienst entzogen habe, lebe weiter – und trinke Champagner.
Er sah auf die Schrift an der Wand.
Freude dem, der kommt. Freude dem, der geht.
Kautsonik folgte seinem Blick.
„Schön, nicht?“ sagte er. „Ich habe diesen Satz tausendmal gelesen. Manchmal denke ich: Er ist ein bisschen zu freundlich. Manchmal denke ich: Er ist genau richtig. Er hält die Leute in Bewegung.“
Hans Castorp dachte: Bewegung ist das, was ich vermieden habe.
„Freude dem, der geht“, wiederholte er.
Kautsonik nickte.
„Ja“, sagte er. „Aber die meisten wollen nicht gehen. Die meisten wollen bleiben. Und die, die gehen müssen…“ Er machte eine kleine Pause und sah auf die Lilien. „Die gehen nicht freiwillig.“
Hans Castorp schwieg.
Kautsonik nahm ein Stück Stollen, legte es auf einen kleinen Teller und schob den Teller Hans hin, mit einer Geste, die zugleich Angebot und Befehl war.
„Essen Sie“, sagte er. „Es ist Neujahr. Man muss etwas Süßes nehmen, sonst wird das Jahr bitter.“
Hans Castorp nahm den Teller.
Er biss.
Der Stollen war schwer und süß, und der Puderzucker klebte an seinen Lippen wie eine kleine Maske. Er dachte an das Holzstäbchen in seiner Tasche; er dachte an den Doktor, der seinen Namen gesagt hatte; er dachte an die Frau, die ihn altmodisch genannt hatte; und er dachte an Kautsonik, der im Stehen sterben wollte.
Das Haus summte. Die Kerzen brannten. Draußen war das Blau des Winters, drinnen das Gold des Holzes. Und oben, über allem, die Bücher – stumme Zeugen, dekorativ und doch voller drohender Sätze.
Hans Castorp schluckte.
„Sie sind also in Rente“, sagte er, mehr um etwas zu sagen, als aus Interesse.
Kautsonik hob die Brauen.
„In Rente“, sagte er, und das Wort klang bei ihm wie ein Fremdwort. „Man hat mir erklärt, ich sei Rentner. Aber dann hat man mich wieder gemietet. Ich bin ein Renter, hat jemand aus Spaß gesagt. Ein gemieteter Rentner.“
Hans Castorp lächelte.
„Das passt“, sagte er.
„Ja“, sagte Kautsonik. „Alles passt heute, wenn man es nur richtig benennt.“
Er nahm ein Glas, füllte es nach, stellte es wieder hin.
„Noch eins?“ fragte er.
Hans Castorp schüttelte den Kopf. Sein Körper – der ehrliche – wollte nicht mehr. Und sein Geist – der lügnerische – wollte auch nicht zu viel.
„Nein“, sagte er. „Nicht zu laut heute.“
Kautsonik sah ihn an, als hätte er etwas gehört, was nicht gesagt wurde.
„Der Herr war gestern…“ begann er, und ließ den Satz, höflich wie er war, unvollendet.
„Ja“, sagte Hans Castorp.
„Feuerwerk“, sagte Kautsonik, und in dem Wort lag ein kleiner Abscheu, der nicht moralisch war, sondern erfahrungsbedingt. „Ist schön. Aber es hat was Unanständiges. Es ist, als würde man den Himmel zwingen, sich zu benehmen.“
Hans Castorp nickte.
Er nahm das Holzstäbchen aus der Tasche und legte es, ohne zu wissen warum, auf den Tisch neben den Teller. Es sah dort aus wie ein Fremdkörper zwischen Glas und Zucker.
Kautsonik betrachtete es.
„Was ist das?“ fragte er.
„Ein Stift“, sagte Hans Castorp.
Kautsonik lachte kurz.
„Damit kann man nicht schreiben“, sagte er.
Hans Castorp sah ihn an.
„Doch“, sagte er. „Wenn man bereit ist, dass es verwischt.“
Kautsonik schwieg einen Moment. Dann nickte er, ganz langsam, als würde er etwas anerkennen, das er nicht verstehen muss, um es zu respektieren.
„Ja“, sagte er schließlich. „So ist das mit den Namen.“
Hans Castorp spürte, wie ihm das Herz einen kleinen, unsauberen Schlag machte.
„Welche Namen?“ fragte er.
Kautsonik hob die Hand, als wolle er abwehren.
„Keine Sorge“, sagte er. „Ich bin Guest Relations. Nicht Gestapo.“
Er sagte es so trocken, so alt‑hotelhaft, dass es komisch war – und im Hintergrund doch etwas Frösteln ließ, weil man, wenn man ehrlich ist, in unserer Zeit nie genau weiß, wo die Grenze zwischen Relation und Kontrolle verläuft.
Hans Castorp senkte den Blick.
„Freude dem, der kommt“, sagte er leise, mehr zu sich als zu Kautsonik.
„Ja“, sagte Kautsonik. „Und Freude dem, der geht.“
Hans Castorp hob das Glas, als wolle er anstoßen – aber er stieß gegen nichts.
Er trank einen letzten Schluck, stellte das Glas ab und dachte:
Es gibt Menschen, die gehen, weil sie müssen. Es gibt Menschen, die bleiben, weil sie können. Und es gibt Menschen, die bleiben, weil sie nicht anders wissen, wer sie wären, wenn sie gingen.
Er steckte das Holzstäbchen wieder ein.
Dann ging er, nicht schnell, nicht langsam, in jene Richtung, die man in Hotels „Lobby“ nennt und die in Wahrheit nichts anderes ist als die Bühne, auf der man sich selbst täglich bestätigt: Ich bin da. Ich bin jemand. Ich komme. Ich gehe.
Und Hans Castorp, der immer blieb, ging – vorläufig – nur bis zur nächsten Treppe.