Oben empfing ihn Holz.
Es war, wie man sagt, „alpiner Stil“, aber mit jener Übertreibung, die das Alpinhafte ins Dekorative hebt: breite, honigfarbene Balken, ein Geländer aus gedrechselten Stäben, deren Formen – und das war unerquicklich komisch – an Kelche erinnerten, an Pokale, an jene bauchigen Silhouetten, die der Wein und das Fest in der bürgerlichen Phantasie seit Jahrhunderten besitzen. Hinter diesen Kelchformen leuchtete, in Nischen, ein tiefes Rot, als hätte man das Holz mit Samt gefüttert; an anderen Stellen schimmerte ein kühleres Blau, gleichsam als Gegengewicht, als Erinnerung daran, dass hier oben zwar Bücher stehen, aber darunter die Kälte wohnt, die man nur mit großen Worten und großer Technik in Schach hält.
Und dann hing, unter der Galerie, im Luftraum der Halle, der Leuchter.
Er war nicht ein Leuchter, wie man ihn aus Wohnungen kennt, wo er ein Möbel ist; er war ein Leuchter als Architektur: ein großer, schwarzer Ring aus Eisen, an Ketten gehängt, besetzt mit einer Vielzahl von Kerzen – nicht mit Kerzen, versteht sich, sondern mit Kerzen‑Imitationen, jenen elektrischen Flämmchen, die aussehen, als flackerten sie, und doch nicht flackern, weil die Moderne selbst dem Flackern nicht traut. Sie brannten, obwohl es Tag war; sie brannten, als müsse hier oben immer ein Abend sein, damit die Menschen sich in dieser Halle nicht zu sehr daran erinnerten, dass es draußen einen Kalender gibt.
Hans Castorp trat an das Geländer und sah hinunter.
Unten stand, in der Mitte der Halle, ein runder Tisch, schwarz glänzend, getragen von einem Fuß aus verwundenem Wurzelholz; es sah aus, als habe man den Baum, der draußen im Schnee steht, nach innen geholt und ihm, anstatt Blätter zu geben, Gläser gegeben. Auf der Platte standen hohe Kelche – leere, bereitstehende – und daneben eine lange, metallene Schale, wie ein Boot, wie eine Gondel, wenn man geneigt ist, bereits jetzt an Wasser zu denken; und in dieser Schale lagen, in ordentlicher Auslage, Stücke eines Brotes, das kein Brot ist, sondern Fest: Stollen, weiß bepudert, als hätte man ihm eine Schneedecke gegeben, damit er zum Hause passe. Krümel lagen wie Streusand, und der Puderzucker wie gefrorener Atem.
Neben dem Tisch stand eine große Vase mit weißen Lilien.
Lilien, verehrte Leserin, verehrter Leser, sind Blumen von zweifelhafter Höflichkeit. Sie duften nicht, sie verkünden. Sie haben etwas Feierliches, das leicht ins Sterbliche kippt; und dass man sie, ausgerechnet in einem Haus, das sich dem Leben verschreibt, so gern aufstellt, ist entweder ein Mangel an Symbolgefühl – oder ein Übermaß.
Hinter dem Tisch, weiter hinten, lag der Empfangstresen, hell aus Holz, mit einem runden Sonnenantlitz darin, freundlich und doch ein wenig streng, wie ein Wappen aus der Kinderstube. Darüber, an der Wand, stand in geschwungener Schrift ein Satz, der alles zusammenfasste, was in einem Hotel geschieht, und der doch, in seiner Symmetrie, wie ein Moralvers klang:
Freude dem, der kommt. Freude dem, der geht.
Hans Castorp las es, und er empfand ein leises, kaum spürbares Unbehagen – nicht, weil der Satz falsch wäre, sondern weil er, in seiner Richtigkeit, so vieles auslässt. Denn was, verehrte Leserin, verehrter Leser, ist mit dem, der bleibt?
Er stand noch am Geländer, als er hinter sich eine Bewegung hörte.
Nicht laut; eher eine Veränderung der Luft. Bücher haben, wenn man es genau nimmt, eine eigene Atmosphäre, und jeder, der zwischen ihnen geht, verändert sie. Hans Castorp drehte sich um.
Ein Mann kam aus einer der Nischen.
Er war nicht jung, aber auch nicht alt; er war von jener schwer datierbaren Art, die unsere Zeit hervorbringt, weil sie das Altern zugleich fürchtet und vermarktet. Sein Haar war kurz, sein Gesicht glatt, seine Kleidung unauffällig teuer; und in seinem Blick lag etwas, das Hans Castorp an die Ärzte erinnerte, denen er früher begegnet war: diese Mischung aus Interesse und Abstand, aus Teilnahme und Taxierung. Er trug kein weißes Tuch – das Weiße hat man den Coaches und Therapeuten überlassen –, aber er trug, am Revers, ein Schildchen.
Darauf stand, in schwarzen Buchstaben, ein Name, der mehr nach Aktenzeichen klang als nach Person:
Dr. AuDHS.
Hans Castorp betrachtete die Buchstaben und fühlte, wie sein Geist – dieser träger Apparat der Begriffe – sich daran machte, zu arbeiten, ohne dass er ihm den Auftrag gegeben hätte. Au: Gold, dachte er. DHS: eine Behörde? Eine Diagnose? Ein Code? Und während er noch rätselte, tat er, was er immer tat, wenn ihm die Moderne ihre Abkürzungen entgegenwarf: Er zog sich in eine alte Form zurück.
„Guten Morgen, Herr Doktor“, sagte er.
Der Mann lächelte.
Es war kein herzliches Lächeln, aber auch kein kaltes; es war ein Lächeln, das anzeigt, dass man verstanden hat, dass man verstanden werden will. Und es war, in einer feinen Nuance, amüsiert.
„Herr Doktor“, wiederholte er, als koste er die Anrede aus. „Das klingt… angenehm alt. Wie aus einer Zeit, in der Menschen noch Namen hatten.“
„Haben sie denn heute keine mehr?“ fragte Hans Castorp.
Der Doktor hob die Hand und deutete auf das Schildchen.
„Ich habe welche“, sagte er. „Sogar mehrere. Nur ist keiner davon ein Name. Es sind Funktionen. Kürzel. Zuständigkeiten.“
Hans Castorp schwieg, und in seinem Schweigen lag, wie so oft, ein leiser Trotz.
„Sie sind Gast?“ fragte der Doktor.
„Ja“, sagte Hans Castorp.
„Und Sie sind…“ Der Doktor hielt inne, als wolle er das Nennen vermeiden, das hier zugleich Feststellung und Zugriff ist. „…neu?“