Abschnitt 1

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Der Morgen, verehrte Leserin, verehrter Leser, ist eine unbarmherzige Einrichtung. Er ist, wenn man so will, die Verwaltung der Nacht; er kommt, zählt nach, räumt auf, macht Inventur der Gefühle und stellt, mit jener nüchternen Grausamkeit, die nur der Tag besitzt, die Frage, die jede Maskerade fürchtet: Und nun?

In Häusern, die sich der Gesundheit, der Langlebigkeit und überhaupt dem besseren Leben verschrieben haben, ist dieser Morgen freilich nicht bloß Tageszeit, sondern Ritual. Er ist Programm. Er ist eine sanfte, aber unerbittliche Rückführung der Körper in ihre dienstbaren Bahnen: Flüssigkeit, Atmung, Schritte, Kurven, Messwerte – und ein Lächeln dazu, das man an der Rezeption in die Welt ausgibt, wie man Prospekte ausgibt.

Hans Castorp hatte, am Ende der Silvesternacht, im warm gedämpften Innern jener gläsernen Kuppel, die die Welt wie durch Erinnerung sehen ließ, gesagt, er habe Hunger; und er hatte damit nicht den Hunger nach Zucker gemeint, nicht nach Stollen, nicht nach Lachs, nicht nach jener „bunten Anatomie“ des Frühstücks, die ihm später auf dem Teller lag und die man in solchen Häusern so arrangiert, dass sie zugleich Nahrung und Ausweis der Zugehörigkeit ist. Er hatte Hunger nach etwas, das nicht zu stillen ist – und doch gibt es, auch dafür, in solchen Häusern eine Abteilung.

Sie heißt: Bibliothek.

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