Neben den Kuppeln stand ein Wagen, schwarz und gold, mit einem Glasbehälter, in dem Popcorn lag – Popcorn! – dieses dünnwandige, explosionsartig entfaltete Korn, das so unschuldig knistert und doch, im Grunde, nichts anderes ist als der spielerische Bruder des Schreckens. Denn auch hier – und das ist die Ironie, die Hans Castorp nicht benennen konnte, aber fühlte – herrschte das Prinzip der Explosion: im Korn, im Korken, im Himmel.
Der Wagen hatte ein Dach, und darunter arbeiteten Menschen in dunkler Kleidung; sie schöpften das weiße, aufgeblähte Korn und gaben es aus, als verteile man Schnee zum Essen. Hans Castorp roch es; und der Geruch war warm. Warm in dieser Kälte, warm wie Erinnerung.
Er ging, die Hände in den Taschen, den Kragen hochgeschlagen – nicht, weil er fror, sondern weil der Kragen eine Geste der Abwehr ist, die dem modernen Menschen ebenso selbstverständlich geworden ist wie dem alten der Hut. Er ging zum Wasser.
Denn da war, ein wenig weiter, ein Becken – blau, still, unwirklich blau unter dem Himmel, der seinerseits so blau war, als hätte jemand die Sättigung hochgedreht –, und auf diesem Wasser schwammen Kugeln, große, schillernde Blasen, die in Regenbogenfarben glänzten und das Licht in Pastell zerlegten. Sie lagen da wie überdimensionierte Seifenblasen, wie Planeten, wie Luftballons, wie Lungenbläschen – und vielleicht war diese letzte Assoziation die eigentlichste, alldieweil das Hochland, der Kurort, die Welt der Atemnot und Atemverheißung immer schon eine Welt der Blasen gewesen ist: Blasen in der Lunge, Blasen im Champagner, Blasen in der Badewelt.
Die Kugeln warfen Schatten aufs Wasser, lange, dunkle Schatten, als hätten sie Gewicht. Und Hans Castorp dachte, dass alles, was glänzt, Schatten hat; ein Gedanke, der banal ist und darum richtig.
Am Rand standen Menschen, in Mänteln und Mützen, und sahen auf diese Blasen, und er konnte nicht sagen, ob sie sich amüsierten oder ehrfürchtig waren. Denn die Moderne hat eine neue Form von Ehrfurcht erfunden: die Ehrfurcht vor dem Effekt.
Hinter ihm, weiter oben auf der Terrasse, war die Eisbar aufgebaut. Man hatte aus Eis einen Tresen gemacht, glatt und transparent, und in dieses Eis waren Worte geschnitten, die – weil sie eben im Eis standen – plötzlich wie etwas Endgültiges, Unabänderliches wirkten, obwohl sie doch, in der nächsten Sonne, in der nächsten Luft, in der nächsten Stunde, zu Wasser werden mussten: „Silvester 2025–2026“. Darunter ein lachendes Sonnenzeichen, freundlich, rund, markenhaft.
Es war, verehrte Leserin, verehrter Leser, als hätte man den Kalender selbst in ein Material gegossen, das die Vergänglichkeit zur Schau stellt. So sehr liebt unsere Zeit die Symbolik, dass sie sie gleich mitliefert; man muss sie nur ablesen, wie man heute alles abliest.
Auf dem Eis standen Gläser: schlanke, hohe, und daneben lagen Champagnerflaschen in Kühlbehältern, und eine Frau in dunklem Mantel hantierte mit ihnen, als ginge es um Instrumente. Männer im Hintergrund trugen ebenfalls dunkle Mäntel und standen, die Köpfe zusammen, in jener Art, wie Männer Köpfe zusammenstecken, wenn sie entweder Geschäfte machen oder sich trösten. Hans Castorp nahm ein Glas – nicht gierig, eher prüfend – und spürte, wie die Kälte des Glases ihm in die Finger zog. Er trank; und die Blasen stiegen ihm in den Kopf wie eine leichte, elegante Ungeduld.
Er lächelte. Er lächelte, weil er wusste, dass er lächelte; und das ist immer ein Zeichen von Distanz.
Denn er war ja nicht wirklich da. Er war da mit einem Namen, der nicht sein Name war. Er war da mit einer Vergangenheit, die er nicht aussprechen durfte. Er war da als Luxusgast und als Flüchtling. Und gerade deshalb hatte diese Nacht – diese Zwischenjahresnacht, diese modern karnevaleske Nacht – für ihn etwas Verführerisches: Sie war eine Maskerade, die ihm entgegenkam.
Drinnen, im warmen Licht, hatte man eine Photokabine aufgebaut – ein kleines Theater der Selbstdarstellung, das sich nicht mehr „Photographie“ nennt, sondern, unerquicklich genug, „Fotobox“. Ein Hintergrund aus schimmernder Folie hing dort, blau und irisierend, wie gefrorenes Wasser; und davor drängten sich Menschen in Abendkleidung, aber mit Requisiten, die das Ganze ins Lächerliche zogen und es dadurch erlaubten.
Da sah Hans Castorp, wie eine Frau – schlank, mit freiem Hals, in einem Kleid, das an der Schulter funkelte – eine Brille trug, deren Gläser Herzformen waren; und er dachte, wie sehr sich unsere Zeit bemüht, das Gefühl in ein Zeichen zu verwandeln, damit es vorzeigbar wird. Daneben ein Mann im Smoking, aber mit einer wilden, hellen Perücke, als wolle er sagen: Ich bin geschniegelt und ungebunden zugleich. Davor Kinder, geschniegelt wie Puppen, aber mit Kronen und Pixelbrillen, die ihnen eine vorgetäuschte Coolness gaben, während ihre Münder offen waren vor Lachen. Im nächsten Bild dann: derselbe Smoking, aber darüber ein Eselskopf, eine Maske mit großen Ohren und einem gelben Grinsen, und die Hand des Maskierten erhoben, als grüße er das Publikum. Es war komisch. Es war rührend. Und es war – wenn man streng ist – ein Bild der Welt: der Mensch in seiner feierlichen Kleidung, der sich selbst zum Tier macht, um für einen Augenblick nicht Mensch sein zu müssen.