Abschnitt 1

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Es gibt Abende, verehrte Leserin, verehrter Leser, die – wie man so sagt – „im Kalender stehen“, geschniegelt, numeriert, ordentlich eingetragen, und es gibt Abende, die sich, obgleich sie natürlich auch datierbar wären, doch der Ordnung widersetzen, weil sie auf einer Grenze liegen, an der die Zeit selber, dieses sehr bürgerliche, sehr vertragliche Prinzip, einmal kurz ihre Fassung verliert. Zu diesen Grenzabenden gehört der Fasching, gehört der Schaltabend – und gehört, in unserer Gegenwart, die Silvesternacht, dieses merkwürdige Bürger- und Kinderfest, das sich mit Champagner maskiert und mit Feuerwerk bewaffnet, damit der Übergang vom Einen zum Anderen nicht wie das aussieht, was er in Wahrheit ist: ein stiller, unmerklicher Schritt.

Hans Castorp wusste das, ohne es zu wissen. Er war nicht der Mann der Begriffe, sondern der Empfindungen; und doch hatte er, seit er sich – auf eine Weise, die wir hier nicht weiter beschreiben wollen, alldieweil die Erzählung nicht in den Verdacht geraten soll, Anleitungen zu erteilen – dem Kriege entzogen und sich in ein Leben hinübergerettet hatte, das man, wenn man streng ist, luxuriös und, wenn man milde ist, nur konsequent nennen mag, eine besondere Beziehung zu allem entwickelt, was zwischen den Ordnungen liegt. Denn der Deserteur, auch wenn er in Hotels schläft und von tadellosen Kellnern bedient wird, bleibt innerlich ein Mann der Zwischenräume: zwischen Namen und Alias, zwischen Schuld und Selbstschutz, zwischen Blickbarkeit und Maske.

Und nun war er wieder oben, im Hochland des Komforts, wo man die Kälte nicht erduldet, sondern kuratiert; wo Schnee nicht „Wetter“ ist, sondern Dekor; und wo man dem Sterblichen eine Mitgliedschaft im Langlebigkeitsversprechen verkauft, als sei es ein Fitnessprogramm. Das Haus – es trug einen Namen, der nach Sonne klang und doch, unerquicklich genug, ein Rettungsgerät im Schnee liegen hatte, einen orangefarbenen Ring, auf dem in schwarzen Buchstaben der Name stand, als wolle das Gebirge selbst daran erinnern, dass jedes Vergnügen im Höhenklima ein Rettungswesen braucht. Dieser Ring lag halb im Weiß, halb auf dem dunklen Pflaster – eine Albernheit, eine Reklame, ein Symbol. So ist die Moderne.

Draußen, auf dem Hof aus schwarzen, glänzenden Steinen, zwischen Steinmauer und frostigem Gesträuch, standen runde Tische, mit weißen Tüchern bedeckt, als wären sie Altäre. Und sie waren es auch, nur dass der Kult nicht mehr den Heiligen galt, sondern den Zuckern, Fetten, Aromastoffen und dem süßen Versprechen, man dürfe heute einmal „alles“. In flachen Holzkisten lagen kleine Kugeln aus Schokolade, hell und dunkel, in Reihen, als wäre hier eine Ordnungsleidenschaft am Werk, die selbst dem Genuss nicht gestattet, unordentlich zu sein. Daneben: Sandwichkekse, ringförmige Gebäckstücke, Schaumstücke in Pastellfarben, die aussahen, als hätte jemand Wolken portioniert; und in einem Glas steckten Holzstäbchen, bereit, in Marshmallows zu bohren oder in Heißgetränke, die man mit einem Wort versieht, das ein bisschen nach Kindheit klingt und ein bisschen nach Trost: „Kakao“.

Die Kinder – denn Kinder waren da, und das ist wichtig, weil Kinder in solchen Einrichtungen die eigentlichen Wahrheitsbringer sind: Sie prüfen die Pracht nicht auf Etikette, sondern auf Essbarkeit – standen an den Tischrändern und sahen, mit jener gierigen Unschuld, die die Erwachsenen rührt und zugleich entlarvt, auf die weißen, rosa und grünen Schaumquader, als seien es Edelsteine. Erwachsene standen daneben und taten so, als gälte ihre Aufmerksamkeit dem Gespräch, während ihre Hände bereits nach Servietten tasteten. Über all dem lag ein Licht, kalt und gütig: Wintersonne.

Und dann – als hätte jemand die Natur durch eine Architektenlaune ersetzt – standen dort diese durchsichtigen Kuppeln, geodätische Blasen aus Kunststoff und Stangenwerk, in denen Menschen saßen wie in einer Ausstellung. Man sah sie durch die milchige, geriffelte Haut, ein bisschen verzerrt, ein bisschen entrückt; und Hans Castorp, der die Berghof-Zeit gekannt hatte, dachte unwillkürlich an jene Liegehallen, die einst das Regiment der Luftkuren geführt hatten, nur dass man jetzt nicht mehr „liegt“ um der Heilung willen, sondern sitzt um des Privilegs willen: Privatsphäre als Wellnessleistung. Es war, wenn man so will, die moderne Liegekur: nicht mit Decken und Thermometern, sondern mit Plexiglaskuppeln und Schaffellen.

In einer solchen Kuppel lag ein weißes Fell wie frisch gefallener Schnee. Ein kleiner Tisch stand darauf, schwarz und dünnbeinig, und darauf: Gläser, ein Weinglas, Wassergläser, ein Windlicht, in dem eine Flamme flackerte – eine sehr kleine, sehr tapfere Flamme inmitten all dieser wohlorganisierten Kälte. Und am Eingang saß – als sei er der Hüter dieses gläsernen Zwischenreichs – ein kleiner, brauner Hund mit Locken, in einem Mantelchen, geschniegelt wie ein Patient. Man könnte, verehrte Leserin, verehrter Leser, an dieser Stelle an den Pudel denken, der einst in einem anderen großen deutschen Werk den Herrn Doktor verführte; man könnte, wenn man geneigt ist, sich selbst zu belustigen, in diesem kleinen Tier den Teufel der Gegenwart erkennen: nicht mehr schwarz, nicht mehr schweflig, sondern teddyhaft, therapiegeeignet, und dennoch Wächter einer Schwelle.

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