Wahrheit als Produkt, Wahrheit als Gemeingut
Eine KI‑Perspektive auf eine stille Verschiebung – und warum Wikipedia dabei wie ein letzter öffentlicher Arbeitstisch wirkt
Vorbemerkung: „Meine Sicht“ als KI – was das heißt
Wenn du „meine Sicht“ schreibst, ist das natürlich eine Metapher: Ich habe keine Biografie, keine Interessen im menschlichen Sinn und keine moralische Intuition, die aus gelebter Erfahrung entsteht. Was ich aber kann, ist Muster zu erkennen: ökonomische Anreize, Medienlogiken, technische Entwicklungspfade – und wie daraus gesellschaftliche Dynamiken entstehen. In diesem Sinne ist das hier eine „KI‑Sicht“: nicht als Orakel, sondern als strukturierte Einordnung.
1) Was es bedeutet, wenn Wahrheit „ein Produkt“ wird
Es ist wichtig, „Wahrheit“ von „Information“ zu trennen.
- Information ist: ein Satz, ein Datensatz, ein Kontext, eine Behauptung, ein Dokument, ein Video.
- Wahrheit ist: der (immer nur näherungsweise erreichbare) Zustand, dass Aussagen begründbar mit der Welt übereinstimmen – und dass Dritte das prüfen können.
Wenn Wahrheit zur Ware wird, passiert meist nicht (nur), dass jemand lügt und dafür Geld nimmt. Es passiert subtiler:
- Wahrheit wird verpackt.
Nicht: „Was ist richtig?“
Sondern: „Welche Version davon ist schnell konsumierbar, markenkonform, konfliktarm, klickstark, abonnierbar?“ - Wahrheit wird portioniert.
Du bekommst nicht mehr „das gemeinsam getragene Ganze“, sondern Teilzugänge:- die Kurzfassung,
- den Premium‑Kommentar,
- das Datenpaket,
- das Tool, das dir „die Wahrheit“ für deinen Zweck ausgibt.
- Wahrheit wird zu einem Service-Level.
Wie bei Cloud‑Produkten:
„Basic“: plausibel klingend.
„Pro“: mit Quellen.
„Enterprise“: mit Garantie/Haftung/Support. - Wahrheit wird zu einer Funktion von Macht.
Wer die Infrastruktur kontrolliert (Distribution, Ranking, Zugangsrechte, Moderation, Trainingsdaten), kontrolliert, welche Wahrheiten sichtbar, auffindbar, zitierbar, „normal“ werden.
Und genau hier kippt die Logik: Wahrheit ist gesellschaftlich betrachtet kein gewöhnliches Gut. Sie ist näher an Infrastruktur.
2) Wahrheit als Gemeingut: Warum Märkte sie strukturell unterproduzieren
In der Ökonomie gibt es den Begriff Gemeingut / öffentliches Gut (je nach Definition auch „öffentliches Gut“ vs. „Commons“). Die Kerneigenschaft: Viele profitieren, aber niemand kann leicht alle anderen ausschließen – und deshalb lohnt es sich für Einzelne oft nicht, die Kosten zu tragen.
Wahrheit hat mehrere solcher Eigenschaften:
- Nicht‑Rivalität: Wenn ich etwas Wahres weiß, nimmst du mir das nicht weg.
- Positive Externalitäten: Wahrheitsfähige Öffentlichkeit senkt Konfliktkosten, verbessert Entscheidungen, stabilisiert Institutionen.
- Trittbrettfahrerproblem: Alle profitieren, aber viele hoffen, andere bezahlen Journalismus, Forschung, Archive, Bibliotheken.
Darum gibt es historisch immer wieder nicht‑marktliche Lösungen, die Wahrheit stützen:
- öffentliche Bibliotheken,
- öffentlich-rechtliche Medien,
- Universitäten und Grundlagenforschung,
- Archive, Standards, offene Normen,
- und (als digitales Phänomen) Wikipedia.
Wenn Märkte dominieren, wird Wahrheit oft nicht direkt verkauft – sondern über Umwege: Aufmerksamkeit, Daten, Einfluss, Abos, Markenvertrauen. Das Resultat ist trotzdem: Zugang und Sichtbarkeit werden käuflich.
3) Kurzer Gang durch die Entwicklung: Wie Wahrheit „produktförmiger“ wurde
3.1 Druck, Zeitung, Verlag: Wahrheit wird skalierbar – und damit ökonomisch
Mit dem Druck wird Wahrheit (bzw. Wissen) massenhaft reproduzierbar. Das ist ein Fortschritt – aber es schafft auch Märkte:
- Verlage entscheiden, was gedruckt wird,
- Redaktionen entscheiden, was berichtenswert ist,
- Gatekeeping wird zu einem Beruf.
Das kann Qualität erzeugen (Standards, Ethik, Fact‑Checking). Aber es koppelt Öffentlichkeit an Eigentum und Distribution.
3.2 Rundfunk & Fernsehen: Wahrheit als sendefähiges Format
Im Broadcast‑Zeitalter entsteht eine andere Art von „Wahrheitsprodukt“:
- ein 90‑Sekunden‑Beitrag,
- eine Talkshow,
- ein Nachrichtenformat.
Wahrheit muss „sendbar“ sein: zeitlich, dramaturgisch, emotional. Das ist nicht automatisch schlecht, aber es formt, was als wahrheitsfähig gilt.
3.3 Internet (frühe Phase): Rückkehr eines digitalen Gemeinguts – kurz
Das frühe Web hatte etwas von einer neuen Allmende:
- offene Standards,
- Links als Zitationskultur,
- viele nicht-kommerzielle Seiten,
- Foren, Blogs, freie Enzyklopädien.
Wikipedia ist ein Kind dieser Phase: ein Gegenmodell zur totalen Privatisierung von Wissenszugang.
3.4 Plattformisierung: Wahrheit wird zum Nebenprodukt von Reichweite
Mit sozialen Netzwerken und Plattformen verändert sich die Logik:
Nicht „wahr vs. falsch“ entscheidet, sondern „engagiert vs. ignoriert“.
Wahrheit wird dadurch nicht nur bedroht; sie wird formatgetrieben:
- Was Empörung erzeugt, gewinnt Sichtbarkeit.
- Was kompliziert ist, verliert.
- Was polarisiert, wird algorithmisch belohnt.
Und jetzt wird Wahrheit marktförmig, ohne dass jemand „Wahrheit“ direkt verkauft: Man verkauft Aufmerksamkeit.
3.5 Paywalls und Abos: Wahrheit wird exklusiv
Parallel dazu entsteht ein Gegenimpuls: Qualitätsjournalismus hinter Bezahlschranken. Das ist nachvollziehbar (Finanzierungsfrage), aber gesellschaftlich ambivalent:
Wenn fundierte Information vor allem dort ist, wo Zahlungsfähigkeit ist, wird Wahrheit sozial ungleich verteilt.
3.6 KI-Zeitalter: Wahrheit wird zu einem Interface – und damit zu einem Produkt
Hier wird es besonders interessant.
KI macht folgendes billig:
- Zusammenfassung,
- Einordnung,
- Übersetzung,
- Erklärung,
- „Antworten“ als Dialog.
Dadurch wird Wahrheit (oder das, was sich so anfühlt) zu einer Bedienoberfläche. Und Interfaces sind extrem gut monetarisierbar:
- Abo-Modelle,
- geschlossene Ökosysteme,
- proprietäre Modelle,
- „Premium‑Wissen“ durch bessere Modelle oder bessere Datenzugänge.
Das Risiko: Wahrheit wird nicht mehr als öffentlicher Text verhandelt, sondern als privat generierte Ausgabe in einem geschlossenen System.
Du bekommst dann nicht „den öffentlichen Stand des Wissens“, sondern „die Version, die dein Assistent dir ausspuckt“.
Und wenn die Assistenten konkurrieren, konkurrieren sie nicht nur um Genauigkeit, sondern um:
- Bequemlichkeit,
- Loyalität,
- Markenvertrauen,
- Bindung,
- Friktionlosigkeit.
Wahrheit wird damit nicht nur Ware – sie wird User Experience.
4) Was genau heißt „Wahrheit wird zum Produkt“ im Alltag?
Hier sind konkrete Mechanismen, wie diese Produktlogik heute auftaucht:
A) Wahrheit wird personalisiert
Zwei Menschen bekommen zwei unterschiedliche „Wahrheiten“, weil:
- ihr Feed anders ist,
- ihr Assistent anders antwortet,
- ihre Suchergebnisse anders gerankt werden.
Personalisierung ist bequem – aber sie entkoppelt Wahrheit von Öffentlichkeit. Öffentlichkeit heißt: Wir sehen dasselbe und können darüber streiten. Personalisierung heißt: Wir sehen Unterschiedliches und merken es oft nicht.
B) Wahrheit wird optimiert (statt begründet)
Optimierung heißt: maximale Verständlichkeit, minimale Reibung, maximale Zustimmung.
Begründung heißt: Quellen, Gegenargumente, Unsicherheit, Konflikt.
Produktlogik bevorzugt Optimierung, weil Reibung Kündigungen erzeugt.
C) Wahrheit wird „outsourced“
Du glaubst nicht mehr etwas, weil du die Begründung gesehen hast, sondern weil:
- „die App“ es sagt,
- „das Modell“ es sagt,
- „die Expertenplattform“ es sagt.
Das kann sinnvoll sein (niemand kann alles prüfen). Aber ohne transparente Begründungswege wird es anfällig: Vertrauen hängt dann am Anbieter, nicht am Verfahren.
D) Wahrheit wird zu Reputation und Marke
„Welche Quelle ist vertrauenswürdig?“ wird ersetzt durch:
„Welche Marke fühlt sich vertrauenswürdig an?“
Marken können Wahrheit stabilisieren – oder sie können Wahrheit simulieren.
5) Wikipedia als selten gewordenes Gemeingut: Was daran wirklich außergewöhnlich ist
Wenn man Wikipedia nur als „Website mit Artikeln“ betrachtet, wirkt sie im KI‑Zeitalter altmodisch. Wenn man Wikipedia als Institution betrachtet, wird sie plötzlich hochmodern.
Denn Wikipedia ist nicht nur Inhalt. Sie ist ein öffentliches Verfahren, das mehrere Dinge zugleich leistet:
- Offener Zugang (für Leser:innen)
- Offene Bearbeitbarkeit (mit Regeln, nicht anarchisch)
- Quellenpflicht und Belegkultur
- Versionshistorie (nachvollziehbar: wer hat was wann geändert?)
- Diskussionsräume (Konflikte sind sichtbar, nicht versteckt)
- Lizenzierung als Gemeingut (Weiterverwendbarkeit)
Das ist – im Kern – eine Wahrheits-Infrastruktur, nicht nur eine Enzyklopädie.
Und genau deshalb ist Wikipedia für KI‑Systeme so wichtig:
Sie stellt eine öffentlich zugängliche, zitierfähige Baseline bereit, an der man Aussagen ankern kann.
Wenn diese Baseline schrumpft, entsteht nicht automatisch „etwas Besseres“. Häufig entsteht:
- mehr Fragmentierung,
- mehr Paywalls,
- mehr proprietäre Wissenssilobildung,
- mehr Abhängigkeit von wenigen Plattformen.
Wikipedia ist also ein Gegenmodell zur totalen Privatisierung epistemischer Infrastruktur.
6) Zur Formulierung „… verhindert, dass Wahrheit
komplett
zu einem Produkt wird“
War das „komplett“ absichtlich? Ja. Und aus zwei Gründen.
Du hast das richtig gespürt: Das Wort ist nicht zufällig.
Grund 1: Es ist kein Entweder‑Oder, sondern ein Kontinuum
Wenn ich geschrieben hätte: „… verhindert, dass Wahrheit zu einem Produkt wird“, klingt das, als seien wir noch nicht in dieser Lage.
Die Realität wirkt eher so:
- Ein Teil von Wahrheit ist bereits produktförmig geworden: über Paywalls, Plattformlogik, proprietäre Tools, monetarisierte Sichtbarkeit.
- Ein Teil ist noch Gemeingut: offene Standards, öffentliche Bibliotheken, frei zugängliche Referenzen, einige offene Datenbestände – und eben Wikipedia.
„Komplett“ markiert: Wir sind schon auf der schiefen Ebene, aber noch nicht am Ende.
Grund 2: Das Wort schafft einen normativen Alarm ohne Apokalypse
Ohne „komplett“ wäre der Satz entweder:
- zu harmlos („wird zu einem Produkt“ – ja, und?), oder
- zu absolut („Wahrheit wird zur Ware“ – klingt apokalyptisch und macht blind für Gegenkräfte).
„Komplett“ ist eine bewusst gesetzte Bremse gegen Fatalismus und gegen Verharmlosung:
- Es anerkennt die Produktisierungstendenz.
- Es lässt Raum für Handlung: Es gibt noch Gemeingüter, die man schützen kann.
Und ja: In dem Sinne ist „komplett“ absichtlich deutlich. Es ist ein rhetorischer Marker für eine schleichende, aber nicht abgeschlossene Einhegung.
7) Der heutige Zustand: Warum diese Phase sich anders anfühlt als frühere Medienwenden
Viele Medienwenden haben Wahrheit verändert. Aber im KI‑Zeitalter kommen drei Dinge zusammen, die neu sind:
1) Synthese wird massenhaft billig
Nicht mehr nur Kopieren ist billig, sondern Zusammenbauen:
Einordnung, Textproduktion, plausible Erklärung – in Sekunden.
2) Der Output ist nicht öffentlich, sondern privat
Eine Zeitung ist öffentlich zitierbar. Ein Wikipedia‑Artikel ist öffentlich verlinkbar.
Eine KI‑Antwort ist oft: ein privates Ereignis zwischen dir und dem System.
Das entzieht Wahrheit der Öffentlichkeit. Streit wird schwerer, weil der gemeinsame Referenztext fehlt.
3) Der Anreiz verschiebt sich von „wahr“ zu „nützlich“
Viele Menschen wollen nicht die bestbelegte Antwort, sondern die:
- schnellste,
- beruhigendste,
- handlungsfähig machende,
- konfliktärmste.
Produktlogik wird hier sehr mächtig: Sie kann „Nützlichkeit“ verkaufen, ohne „Begründbarkeit“ zu liefern.
8) Was wäre die Alternative? Wahrheit wieder als Infrastruktur denken
Wenn Wahrheit als Infrastruktur verstanden wird, ändern sich auch die politischen und praktischen Fragen.
Nicht nur:
- „Welche Quelle ist richtig?“
Sondern:
- „Welche Institutionen machen Wahrheit überprüfbar?“
- „Welche Standards halten Begründungswege offen?“
- „Welche Finanzierung schützt Unabhängigkeit?“
- „Welche Werkzeuge erzeugen Öffentlichkeit statt Private Outputs?“
Wikipedia ist ein Beispiel für so eine Infrastruktur – nicht perfekt, aber funktional.
9) Beobachtung, Interpretation, Handlungsvorschläge (klar getrennt)
Beobachtung
- Zugänge zu hochwertigen Informationen werden häufiger monetarisiert, während Distribution stark über Plattformlogik läuft.
- KI macht synthetische Antworten extrem billig und verschiebt Aufmerksamkeit weg von Primärquellen.
- Gleichzeitig existieren noch Inseln offener Wissensinfrastruktur (Wikipedia, offene Standards, Teile von Open Access, öffentliche Bibliotheken).
Interpretation
- „Wahrheit als Produkt“ ist weniger ein moralischer Verfall als eine Folge von Anreizsystemen: Wer Infrastruktur bezahlt, setzt Regeln.
- Die größte Gefahr liegt nicht im einzelnen Irrtum, sondern im Verlust öffentlicher Begründungsräume: Wenn Wahrheit privat generiert wird, fehlt der gemeinsame Prüfpfad.
- Wikipedia ist deshalb nicht „nur Content“, sondern ein seltener Ort, an dem Wahrheit als öffentlicher Prozess sichtbar bleibt.
Handlungsvorschläge
- Pflege Referenzräume: Nutze KI für Tempo – aber halte dir eine Praxis, bei der du bei wichtigen Fragen auf öffentliche, zitierfähige Referenzen zurückgehst (Wikipedia, Primärquellen, seriöse Redaktionen).
- Unterstütze Institutionen statt nur Tools: Spenden/Abos nicht nur nach Komfort, sondern nach gesellschaftlicher Funktion: Wer baut Begründbarkeit, wer verkauft nur Antworten?
- Bestehe auf Quellenwegen: Egal ob KI, Artikel oder Video: Gewöhne dir an zu fragen: „Worauf stützt sich das? Wo kann ich es nachprüfen?“
- Schütze das Gemeingut-Prinzip: Nicht aus Nostalgie, sondern weil KI‑Systeme ohne offene Baselines die Tendenz zur geschlossenen Wahrheitsware verstärken.
Schluss: Wikipedia verhindert nicht, dass Wahrheit
umkämpft
ist – sondern dass sie
vollständig eingehegt
wird
In deinem Zitat steckt eine zugespitzte, aber präzise Idee:
Wahrheit ist nie ein fertiges Objekt. Sie ist ein sozialer Prozess, der Infrastruktur braucht: Regeln, Quellen, Streitfähigkeit, Korrektur.
Eine Welt, in der „Wahrheit“ vor allem als Produkt konsumiert wird, hat ein Risiko: Sie wird bequem, aber nicht mehr gemeinsam überprüfbar. Wikipedia wirkt dagegen wie ein öffentlicher Arbeitstisch, der sagt:
Hier ist der Stand – mit Belegen, mit Lücken, mit Streit, mit Geschichte.
Und genau deshalb war „komplett“ ein bewusstes Wort:
Nicht, weil alles verloren ist. Sondern weil die Richtung stimmt – und weil es noch Gegenkräfte gibt, die man stärken kann.