Es gibt Abende, verehrter Leser, die – wie man so sagt – „im Kalender stehen“, geschniegelt, numeriert, ordentlich eingetragen, und es gibt Abende, die sich, obgleich sie natürlich auch datierbar wären, doch der Ordnung widersetzen, weil sie auf einer Grenze liegen, an der die Zeit selber, dieses sehr bürgerliche, sehr vertragliche Prinzip, einmal kurz ihre Fassung verliert. Zu diesen Grenzabenden gehört der Fasching, gehört der Schaltabend – und gehört, in unserer Gegenwart, die Silvesternacht, dieses merkwürdige Bürger- und Kinderfest, das sich mit Champagner maskiert und mit Feuerwerk bewaffnet, damit der Übergang vom Einen zum Anderen nicht wie das aussieht, was er in Wahrheit ist: ein stiller, unmerklicher Schritt.
Hans Castorp wusste das, ohne es zu wissen. Er war nicht der Mann der Begriffe, sondern der Empfindungen; und doch hatte er, seit er sich – auf eine Weise, die wir hier nicht weiter beschreiben wollen, alldieweil die Erzählung nicht in den Verdacht geraten soll, Anleitungen zu erteilen – dem Kriege entzogen und sich in ein Leben hinübergerettet hatte, das man, wenn man streng ist, luxuriös und, wenn man milde ist, nur konsequent nennen mag, eine besondere Beziehung zu allem entwickelt, was zwischen den Ordnungen liegt. Denn der Deserteur, auch wenn er in Hotels schläft und von tadellosen Kellnern bedient wird, bleibt innerlich ein Mann der Zwischenräume: zwischen Namen und Alias, zwischen Schuld und Selbstschutz, zwischen Blickbarkeit und Maske.
Und nun war er wieder oben, im Hochland des Komforts, wo man die Kälte nicht erduldet, sondern kuratiert; wo Schnee nicht „Wetter“ ist, sondern Dekor; und wo man dem Sterblichen eine Mitgliedschaft im Langlebigkeitsversprechen verkauft, als sei es ein Fitnessprogramm. Das Haus – es trug einen Namen, der nach Sonne klang und doch, unerquicklich genug, ein Rettungsgerät im Schnee liegen hatte, einen orangefarbenen Ring, auf dem in schwarzen Buchstaben der Name stand, als wolle das Gebirge selbst daran erinnern, dass jedes Vergnügen im Höhenklima ein Rettungswesen braucht. Dieser Ring lag halb im Weiß, halb auf dem dunklen Pflaster – eine Albernheit, eine Reklame, ein Symbol. So ist die Moderne.
Draußen, auf dem Hof aus schwarzen, glänzenden Steinen, zwischen Steinmauer und frostigem Gesträuch, standen runde Tische, mit weißen Tüchern bedeckt, als wären sie Altäre. Und sie waren es auch, nur dass der Kult nicht mehr den Heiligen galt, sondern den Zuckern, Fetten, Aromastoffen und dem süßen Versprechen, man dürfe heute einmal „alles“. In flachen Holzkisten lagen kleine Kugeln aus Schokolade, hell und dunkel, in Reihen, als wäre hier eine Ordnungsleidenschaft am Werk, die selbst dem Genuss nicht gestattet, unordentlich zu sein. Daneben: Sandwichkekse, ringförmige Gebäckstücke, Schaumstücke in Pastellfarben, die aussahen, als hätte jemand Wolken portioniert; und in einem Glas steckten Holzstäbchen, bereit, in Marshmallows zu bohren oder in Heißgetränke, die man mit einem Wort versieht, das ein bisschen nach Kindheit klingt und ein bisschen nach Trost: „Kakao“.
Die Kinder – denn Kinder waren da, und das ist wichtig, weil Kinder in solchen Einrichtungen die eigentlichen Wahrheitsbringer sind: Sie prüfen die Pracht nicht auf Etikette, sondern auf Essbarkeit – standen an den Tischrändern und sahen, mit jener gierigen Unschuld, die die Erwachsenen rührt und zugleich entlarvt, auf die weißen, rosa und grünen Schaumquader, als seien es Edelsteine. Erwachsene standen daneben und taten so, als gälte ihre Aufmerksamkeit dem Gespräch, während ihre Hände bereits nach Servietten tasteten. Über all dem lag ein Licht, kalt und gütig: Wintersonne.
Und dann – als hätte jemand die Natur durch eine Architektenlaune ersetzt – standen dort diese durchsichtigen Kuppeln, geodätische Blasen aus Kunststoff und Stangenwerk, in denen Menschen saßen wie in einer Ausstellung. Man sah sie durch die milchige, geriffelte Haut, ein bisschen verzerrt, ein bisschen entrückt; und Hans Castorp, der die Berghof-Zeit gekannt hatte, dachte unwillkürlich an jene Liegehallen, die einst das Regiment der Luftkuren geführt hatten, nur dass man jetzt nicht mehr „liegt“ um der Heilung willen, sondern sitzt um des Privilegs willen: Privatsphäre als Wellnessleistung. Es war, wenn man so will, die moderne Liegekur: nicht mit Decken und Thermometern, sondern mit Plexiglaskuppeln und Schaffellen.
In einer solchen Kuppel lag ein weißes Fell wie frisch gefallener Schnee. Ein kleiner Tisch stand darauf, schwarz und dünnbeinig, und darauf: Gläser, ein Weinglas, Wassergläser, ein Windlicht, in dem eine Flamme flackerte – eine sehr kleine, sehr tapfere Flamme inmitten all dieser wohlorganisierten Kälte. Und am Eingang saß – als sei er der Hüter dieses gläsernen Zwischenreichs – ein kleiner, brauner Hund mit Locken, in einem Mantelchen, geschniegelt wie ein Patient. Man könnte, verehrter Leser, an dieser Stelle an den Pudel denken, der einst in einem anderen großen deutschen Werk den Herrn Doktor verführte; man könnte, wenn man geneigt ist, sich selbst zu belustigen, in diesem kleinen Tier den Teufel der Gegenwart erkennen: nicht mehr schwarz, nicht mehr schweflig, sondern teddyhaft, therapiegeeignet, und dennoch Wächter einer Schwelle.
Neben den Kuppeln stand ein Wagen, schwarz und gold, mit einem Glasbehälter, in dem Popcorn lag – Popcorn! – dieses dünnwandige, explosionsartig entfaltete Korn, das so unschuldig knistert und doch, im Grunde, nichts anderes ist als der spielerische Bruder des Schreckens. Denn auch hier – und das ist die Ironie, die Hans Castorp nicht benennen konnte, aber fühlte – herrschte das Prinzip der Explosion: im Korn, im Korken, im Himmel.
Der Wagen hatte ein Dach, und darunter arbeiteten Menschen in dunkler Kleidung; sie schöpften das weiße, aufgeblähte Korn und gaben es aus, als verteile man Schnee zum Essen. Hans Castorp roch es; und der Geruch war warm. Warm in dieser Kälte, warm wie Erinnerung.
Er ging, die Hände in den Taschen, den Kragen hochgeschlagen – nicht, weil er fror, sondern weil der Kragen eine Geste der Abwehr ist, die dem modernen Menschen ebenso selbstverständlich geworden ist wie dem alten der Hut. Er ging zum Wasser.
Denn da war, ein wenig weiter, ein Becken – blau, still, unwirklich blau unter dem Himmel, der seinerseits so blau war, als hätte jemand die Sättigung hochgedreht –, und auf diesem Wasser schwammen Kugeln, große, schillernde Blasen, die in Regenbogenfarben glänzten und das Licht in Pastell zerlegten. Sie lagen da wie überdimensionierte Seifenblasen, wie Planeten, wie Luftballons, wie Lungenbläschen – und vielleicht war diese letzte Assoziation die eigentlichste, alldieweil das Hochland, der Kurort, die Welt der Atemnot und Atemverheißung immer schon eine Welt der Blasen gewesen ist: Blasen in der Lunge, Blasen im Champagner, Blasen in der Badewelt.
Die Kugeln warfen Schatten aufs Wasser, lange, dunkle Schatten, als hätten sie Gewicht. Und Hans Castorp dachte, dass alles, was glänzt, Schatten hat; ein Gedanke, der banal ist und darum richtig.
Am Rand standen Menschen, in Mänteln und Mützen, und sahen auf diese Blasen, und er konnte nicht sagen, ob sie sich amüsierten oder ehrfürchtig waren. Denn die Moderne hat eine neue Form von Ehrfurcht erfunden: die Ehrfurcht vor dem Effekt.
Hinter ihm, weiter oben auf der Terrasse, war die Eisbar aufgebaut. Man hatte aus Eis einen Tresen gemacht, glatt und transparent, und in dieses Eis waren Worte geschnitten, die – weil sie eben im Eisstanden – plötzlich wie etwas Endgültiges, Unabänderliches wirkten, obwohl sie doch, in der nächsten Sonne, in der nächsten Luft, in der nächsten Stunde, zu Wasser werden mussten: „Silvester 2025–2026“. Darunter ein lachendes Sonnenzeichen, freundlich, rund, markenhaft.
Es war, verehrter Leser, als hätte man den Kalender selbst in ein Material gegossen, das die Vergänglichkeit zur Schau stellt. So sehr liebt unsere Zeit die Symbolik, dass sie sie gleich mitliefert; man muss sie nur ablesen, wie man heute alles abliest.
Auf dem Eis standen Gläser: schlanke, hohe, und daneben lagen Champagnerflaschen in Kühlbehältern, und eine Frau in dunklem Mantel hantierte mit ihnen, als ginge es um Instrumente. Männer im Hintergrund trugen ebenfalls dunkle Mäntel und standen, die Köpfe zusammen, in jener Art, wie Männer Köpfe zusammenstecken, wenn sie entweder Geschäfte machen oder sich trösten. Hans Castorp nahm ein Glas – nicht gierig, eher prüfend – und spürte, wie die Kälte des Glases ihm in die Finger zog. Er trank; und die Blasen stiegen ihm in den Kopf wie eine leichte, elegante Ungeduld.
Er lächelte. Er lächelte, weil er wusste, dass er lächelte; und das ist immer ein Zeichen von Distanz.
Denn er war ja nicht wirklich da. Er war da mit einem Namen, der nicht sein Name war. Er war da mit einer Vergangenheit, die er nicht aussprechen durfte. Er war da als Luxusgast und als Flüchtling. Und gerade deshalb hatte diese Nacht – diese Zwischenjahresnacht, diese modern karnevaleske Nacht – für ihn etwas Verführerisches: Sie war eine Maskerade, die ihm entgegenkam.
Drinnen, im warmen Licht, hatte man eine Photokabine aufgebaut – ein kleines Theater der Selbstdarstellung, das sich nicht mehr „Photographie“ nennt, sondern, unerquicklich genug, „Fotobox“. Ein Hintergrund aus schimmernder Folie hing dort, blau und irisierend, wie gefrorenes Wasser; und davor drängten sich Menschen in Abendkleidung, aber mit Requisiten, die das Ganze ins Lächerliche zogen und es dadurch erlaubten.
Da sah Hans Castorp, wie eine Frau – schlank, mit freiem Hals, in einem Kleid, das an der Schulter funkelte – eine Brille trug, deren Gläser Herzformen waren; und er dachte, wie sehr sich unsere Zeit bemüht, das Gefühl in ein Zeichen zu verwandeln, damit es vorzeigbar wird. Daneben ein Mann im Smoking, aber mit einer wilden, hellen Perücke, als wolle er sagen: Ich bin geschniegelt und ungebunden zugleich. Davor Kinder, geschniegelt wie Puppen, aber mit Kronen und Pixelbrillen, die ihnen eine vorgetäuschte Coolness gaben, während ihre Münder offen waren vor Lachen. Im nächsten Bild dann: derselbe Smoking, aber darüber ein Eselskopf, eine Maske mit großen Ohren und einem gelben Grinsen, und die Hand des Maskierten erhoben, als grüße er das Publikum. Es war komisch. Es war rührend. Und es war – wenn man streng ist – ein Bild der Welt: der Mensch in seiner feierlichen Kleidung, der sich selbst zum Tier macht, um für einen Augenblick nicht Mensch sein zu müssen.
Hans Castorp stand einen Moment hinter diesen Leuten und betrachtete sie mit jener milden, leicht melancholischen Ironie, die dem Zuschauer eigen ist. Dann, ohne recht zu wissen warum, trat er näher. Nicht, weil er fotografiert werden wollte; er wollte nicht festgehalten werden, schon gar nicht in einer Welt, in der jedes Festhalten zugleich ein Verbreiten ist. Aber er fühlte sich angezogen von der Idee der Maske.
„Willst du?“ fragte jemand – ein Mädchen, vielleicht; eine Stimme, jung, schnell. Und eine Hand hielt ihm eine der Brillen hin, eine andere einen goldenen Plastik-Kranz. Hans Castorp nahm den Kranz nicht. Er nahm stattdessen eine schlichte, schwarze Maske, die am Rand lag, unscheinbar zwischen Herzen und Eseln – ein Stück Stoff, das die Hälfte des Gesichts verdeckte und dadurch plötzlich sehr ernst wirkte. Er hielt sie kurz in der Hand. Stoff. Gummi. Ein Geruch nach neuem Material, nach Herstellung.
„Du bist altmodisch“, sagte eine Stimme neben ihm.
Er wandte sich um.
Sie stand da, etwas abseits, und trug nichts Auffälliges, keine Perücke, keine Ohren; aber ihre Augen hatten diesen Ausdruck, der zugleich müde und spöttisch ist, und ihr Mund – schmal, ein wenig nach oben gezogen – verriet eine Bereitschaft zur Bosheit, die Hans Castorp immer schon als Anmut empfunden hatte.
„Altmodisch?“ wiederholte er.
„Oui“, sagte sie, und das Oui war nicht französisch im Lehrbuchsinn, sondern französisch als Geste, als leises Herausnehmen aus der deutschen Ordnung. „Du möchtest immer noch glauben, dass eine Maske Stoff sein müsse. Dabei ist heute alles Maske.“
Er wusste nicht, ob er sie kannte. Er wusste nur, dass er sie kannte. Denn man kennt, verehrter Leser, nicht nur Personen; man kennt Gesten, man kennt Rhythmen, man kennt jene Art, einen Satz zu setzen, als sei er halb ein Spott, halb ein Kuss.
Sie sah auf die Hand in seiner, auf die schwarze Maske.
„Du bist sehr… korrekt,“ sagte sie, und das Wort „korrekt“ hatte in ihrem Mund etwas, das wie ein kleines, heimliches Lachen war. „Un peu bourgeois.“
Hans Castorp spürte, wie ihm warm wurde, nicht vom Champagner, sondern von diesem alten, unerquicklich jungen Gefühl, dass jemand ihn an einer Stelle berührt, die nicht sichtbar ist.
„Ordnung“, sagte er langsam, „ist vielleicht nur eine Angst, die sich geschniegelt hat.“
„Ah,“ machte sie. „Jetzt wirst du philosophisch. Pass auf – das ist gefährlich.“
„Gefährlich,“ wiederholte er, und meinte nicht den Gedanken.
Sie gingen hinaus, weil drinnen zu viel Lachen war. Draußen, in der Kälte, war das Lachen gedämpft, und man hörte stattdessen das Knirschen der Schuhe auf dem frostigen Pflaster, das leise Klirren von Gläsern, das ferne Summen der Anlage, die irgendwo Wärme produzierte, als sei Wärme eine Dienstleistung.
An einem der Tische mit den Süßigkeiten blieb sie stehen und nahm ein Holzstäbchen aus dem Glas – ein einfaches, helles Stäbchen, wie es im Grunde jeder kennt, und doch war es, in ihrer Hand, plötzlich ein Gegenstand mit Bedeutung, weil sie ihn hielt. Sie stach damit in einen Marshmallow, diesen pastellfarbenen Schaum, und hielt ihn hoch, als präsentiere sie ein kleines Stück Himmel.
„Du willst?“ fragte sie.
Hans Castorp schüttelte den Kopf. Er war nicht hungrig auf Zucker. Er war hungrig auf etwas anderes.
Sie sah ihn an.
„Hast du einen Stift?“ fragte er. Und er hörte sich selbst mit einem Staunen, als spräche nicht er, sondern jemand, der einmal er gewesen war.
Sie lachte leise.
„Ein Stift?“ sagte sie. „Wozu brauchst du einen Stift, mon cher? Du hast doch überall Stifte. In deinen Geräten. In deinen Uhren. In deinen… Apps.“
Er antwortete nicht. Er zeigte nur, fast kindlich, auf eine kleine Station, die neben dem Photobox-Theater aufgebaut war: Dort saß ein Mann – oder eine Gestalt, man konnte es nicht recht sagen –, ganz in Schwarz, und sein Kopf steckte hinter einer klaren, kantigen Scheibe, als trüge er einen gläsernen Helm. Vor ihm lag ein weißes Blatt, und mit einem Pinsel oder Stift zog er braune Linien darauf, zögernd, kunstvoll, als schreibe er nicht Buchstaben, sondern Schicksale. Ein Kind stand daneben und hielt etwas in die Höhe, vielleicht ein Bild, vielleicht ein Rahmen – und sah zu, mit jener Ehrfurcht, die Kinder manchmal dem Handwerk entgegenbringen.
„Er schreibt Namen,“ sagte Hans Castorp.
„Namen?“ Sie hob die Augenbrauen. „Du meinst: Identitäten.“
Er spürte einen kleinen Stich. Ja. Identitäten.
„Ich möchte,“ sagte er, „dass er mir meinen Namen schreibt.“
„Welchen?“ fragte sie.
Hans Castorp schwieg. Und in diesem Schweigen lag alles: der Krieg, die Entziehung, die Rettung, die Scham, der Luxus, die Lüge, die Müdigkeit.
Sie sah ihn an, lange.
Dann reichte sie ihm das Holzstäbchen – nicht den Marshmallow, nur das Stäbchen, leer, leicht, lächerlich.
„Voilà,“ sagte sie. „Nimm. Schreib damit.“
„Damit kann man nicht schreiben.“
„Doch,“ sagte sie. „Man kann mit allem schreiben, wenn man bereit ist, dass es verwischt.“
Und das war, verehrter Leser, eine Wahrheit, so einfach, dass sie gefährlich war.
Sie gingen zur Eisbar zurück, weil die Stunde näher rückte. Man begann zu zählen, zu lachen, zu rufen; jemand verteilte kleine Papierröhrchen, die Konfetti spucken; und Hans Castorp dachte, wie sehr diese moderne Welt den Augenblick mechanisiert hat: Der Übergang muss angekündigt werden, er muss heruntergezählt werden, er muss dokumentiert werden, weil man ihm sonst nicht traut.
Die Gläser klirrten. Das Eis glänzte. Die Worte im Eis – „Silvester 2025–2026“ – standen da wie ein Urteil, und doch liefen an den Kanten bereits kleine Tropfen, als weinte der Kalender.
Dann geschah es.
Der Himmel, der eben noch schwarz gewesen war, wurde plötzlich zerrissen von Licht, von weißen und roten Linien, von funkelnden Sternen, die sich ausbreiteten und vergingen, und Rauch zog wie ein grauer Vorhang über die Szene. Es war schön. Es war laut. Es war – wenn man ehrlich ist – unerquicklich. Denn Feuerwerk ist das Spiel mit dem Krieg, und der Krieg ist das Feuerwerk ohne Spiel.
Hans Castorp zuckte zusammen, ganz unwillkürlich, ganz physiologisch; der Körper erkennt gewisse Geräusche, ehe der Geist sie deutet. Er spürte sein Herz, wie es einen Schlag ausließ und dann zwei nachholte, als wolle es beweisen, dass es noch da sei; er spürte die Kälte in der Lunge, obwohl er nicht fror; er spürte, wie die Blasen im Champagner ihm nun weniger leicht, weniger elegant vorkamen – als wären sie plötzlich verwandt mit den Blasen im Himmel.
Sie legte ihm, nur für einen Moment, die Hand auf den Ärmel.
„C’est fini,“ sagte sie, leise. „Es ist vorbei. Hier ist es nur… fête.“
Nur Fest. Nur.
Er sah sie an, und in ihrem Gesicht lag ein Ausdruck, der zugleich spöttisch und zärtlich war, als wisse sie, dass es keine „nur“ gibt.
Sie gingen, ohne sich abzusprechen, zur Kuppel, zu der gläsernen Blase, in der das weiße Fell lag und die kleine Flamme flackerte. Der Hund saß noch immer am Eingang, wie ein Wächter, und sah sie an, ernst und geduldig. Sie traten ein, und die Welt draußen – der Himmel mit Rauch, die Menschen mit Gläsern, die Kugeln auf dem Wasser – wurde durch die Haut der Kuppel gedämpft und verzerrt, als sähe man alles durch eine Erinnerung.
Drinnen war es stiller. Auf dem Tisch standen Gläser, eins halb leer, eins ganz leer, und das Windlicht warf Schatten auf das Fell, weich wie Atem. Hans Castorp setzte sich, und sie setzte sich ihm gegenüber, aber nicht wirklich gegenüber; sie setzte sich so, dass der Abstand nicht mehr bürgerlich war.
„Du wirst alt,“ sagte sie.
„Ich bleibe,“ antwortete er.
„Du bleibst immer,“ sagte sie. „Das ist dein Talent. Du bleibst, während alles andere… geht.“
Er dachte an die Worte im Eis, an die Tropfen, an das Schmelzen; er dachte an die Blasen im Wasser, an ihr schillerndes, dünnes Leuchten; er dachte an den orangefarbenen Rettungsring im Schnee, auf dem das Sonnenwort stand, als müsse man selbst in der Sonne gerettet werden.
„Hast du Angst?“ fragte sie.
Er lächelte. Er wollte sagen: Nein. Er wollte sagen: Ja. Er sagte stattdessen:
„Ich habe Hunger.“
Und das war, verehrter Leser, nicht gelogen.
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Am Morgen – denn natürlich gibt es immer einen Morgen, auch nach der ausschweifendsten Maskerade, und der Morgen ist die eigentliche Moral – saß Hans Castorp im Speisesaal, der nicht mehr Speisesaal hieß, sondern irgendeinen Namen trug, der nach internationalem Komfort klang. Vor ihm ein Teller, weiß, groß, und darauf die bunte Anatomie des Luxusfrühstücks: Lachs, orange und seidig; ein Stück Schinken, blass und korrekt; ein Spiegelei, dessen Dotter wie eine kleine Sonne glänzte; rote, eingelegte Stücke, die nach Zwiebel schmeckten und aussahen wie Blut; dunkle Rübenscheiben, die so tief violett waren, dass sie fast schwarz wirkten; dazu ein Häufchen orangefarbener Körnchen, kaviarartig, als habe man dem Meer seine Eier abgekauft; Gurkenscheiben, Tomaten, ein wenig Grün; und ein Stück dunkles Brot, schwer, ehrlich, mit einem Tupfer Butter, der daran klebte wie ein Alibi.
Er aß langsam. Nicht, weil er satt war – sondern weil langsames Essen die letzte Form von Kontrolle ist, wenn die Nacht sie einem genommen hat.
Und während er aß, dachte er: Das ist also die zweite Walpurgisnacht. Sie ist nicht mehr im Berghof, nicht mehr im Speisesaal mit Spähern an den Türen; sie ist im Wellness-Resort, auf frostigem Pflaster, zwischen Popcorn und Plexiglas, zwischen Photobox und Eisbar, zwischen Blasen im Wasser und Blasen im Wein, zwischen dem Datum im Eis und dem Rauch im Himmel.
Er dachte: Man kann desertieren aus einem Krieg. Man kann desertieren aus einem Leben. Aber man desertiert nicht aus der Zeit. Man kann sie nur – wenn man Glück hat – für einen Abend dazu bringen, so zu tun, als wäre sie nicht da.
Er schob das Brotstück ein wenig zur Seite, betrachtete den Dotter, diese kleine Sonne auf Weiß, und lächelte.
Das Lächeln war höflich. Und ein wenig unerquicklich.