Teil 11 – Arbeit की Industrialisierung: bestforming als Produktionsweise des Textes selbst
Ein weiterer Kern der Schreibwoche war die Standardisierung des Herstellungsprozesses. In der Chronik steht dafür der Marker T26: Die Produktion wird in wiederholbare Arbeitsschritte überführt, der Text wird nach jedem Schritt konsolidiert, und für jedes Kapitel gibt es zwei Durchläufe: Vorbereitung und Ausformulierung, ohne Rückfragen, ohne Ausfransen.
Das ist nicht nur Organisation. Es ist eine literarische Spiegelung des Stoffes: Der Roman handelt von Ritualen, Logbüchern, Messungen; und seine Herstellung geschieht in Ritualen, Logbüchern, Messungen.
Am Anfang war diese Arbeitsweise ein Mittel, den Ton zu halten. In der Produktionsphase wird sie zur Kur: Der Text entsteht, weil er sich einem System unterwirft. Nicht, um kreativ zu sterben, sondern um kreativ zu bleiben.
Biografisch gibt es dafür ein Vorbild: 2008 wird im Familienunternehmen eine Struktur geschaffen, die mit wenigen Stunden pro Woche das „Bleiben“ ermöglicht – und dadurch Energie freisetzt, um innerlich zu „gehen“, Projekte zu verfolgen, nicht zu verarmen. Genau diese Struktur kehrt hier als Produktionsprinzip wieder: ein Minimum an Reibung, damit der Schub nicht verloren geht.
Teil 12 – Der dritte Schub: Der Roman geht hinab
Ein Fixpunkt markiert den Moment, in dem der Text sichtbar hinabgeht: T31 – Dienstag, 6. Januar 2026, 20:30. Weg vom Berg als Schutzraum, hin zur Welt. In der endgültigen Struktur wird das später zur Süd/Venedig-Achse der letzten Kapitel.
Das ist eine inhaltliche Bewegung – und eine existenzielle. Der Zauberberg-Impuls (Zeit als Problem) wird modernisiert durch Tracking, Programme, Lebenszeitoptimierung; aber hinter dem Optimieren steckt ein ernstes Zeitgefühl: die Ahnung, dass Endlichkeit nicht wegoptimiert werden kann.
Mit dem biografischen Kontext wird klar: Diese Endlichkeit ist nicht abstrakt. Sie hat konkrete Gestalt: psychische Entgleisung, Fremddiagnose, medikamentöse Depression, familiärer Ordnungsdruck – und dann die Entscheidung, trotzdem zu leben, trotzdem zu konsumieren, trotzdem zu arbeiten, trotzdem zu schaffen.
Venedig wird im Roman nicht Erlösung, sondern Steigerung des Problems. „Bestform nützt nichts gegen inneren Lärm“, lautet sinngemäß die gesetzte Pointe. Psychografisch ist das zwingend: Wer Optimierung baut, baut sie oft, um Ruhe zu haben – und entdeckt dann, dass Ruhe nicht herstellbar ist, wenn Schönheit, Beziehung und Schuld in den Raum treten.
Teil 13 – Revisionen als Dramaturgie: Fünf Umbauten, ein Sinnwechsel
Eine Schreibwoche hinterlässt nicht nur Seiten, sie hinterlässt Entscheidungen. Einige davon sind so stark, dass sie den Sinn des gesamten Projekts verschieben.
Erstens die Umstellung der Anrede auf „verehrte Leserin, verehrter Leser“: Ethik als Grammatikdetail.
Zweitens die Neuformung von Kapitel 8 zur großen Rede: nicht Vortragstext, sondern Romanrede im Raum, Essay als Szene. „Unser Dilemma, unsere Evolution und bestforming“ wird dadurch zu einer modernen Settembrini-Form, aber ohne den alten Hochmut.
Drittens die Neuschöpfung von Kapitel 9 als System-2-Drehpunkt.
Viertens die Reorganisation der Gesamtstruktur nach diesem Drehpunkt und die Überführung der Herstellung in ein streng wiederholbares Doppelverfahren.
Fünftens der Paratext: Prolog und Epilog in Ich-Form und dieses “Making of” als zweite Ebene. Dadurch wird das Buch rückwirkend neu gerahmt: Es ist nicht mehr nur „Hans Castorp auf der Sonnenalp“, sondern auch „Benjamin Erhardt schreibt sich frei“ – und gesteht es.
All diese Umbauten zeigen ein Muster: Der Autor schreibt nicht nur, um zu erzählen. Er schreibt, um eine Form zu finden, in der er sich verantworten kann. Genau deshalb muss er revisionsfähig bleiben. Wer nicht revisiert, bleibt im Irrtum stecken oder im Mythos. Wer revisiert, integriert.
Teil 14 – Fertigstellung und Nachbeben: Von „ich schreibe“ zu „ich bin“
Man könnte dieses “Making of” mit einer einzigen Zeile beenden: „Fertigstellung inklusive Layout am Freitag, 9. Januar 2026 um 13:27 Uhr.“ Man könnte so tun, als sei das Ende der Produktion auch das Ende der Geschichte.
Aber die Fertigstellung ist nicht nur das Ende eines Textes. Sie ist ein psychischer Zustand, der abrupt endet: Der Tonio-Schub, die Produktionsmaschine, der Hyperfokus – alles, was durch die Woche getragen hat, fällt ab, sobald „fertig“ da steht. Und dann stellt sich die Frage, die nach jeder großen Arbeit kommt, hier aber besonders scharf ist, weil das Werk in Maskenform autobiografisch gearbeitet hat: Wer ist man, wenn man nicht gerade schreibt?
An dieser Stelle wird aus einem “Making of” ein psychografischer Schlüssel: Der Roman ist ein Integrationsversuch. Nicht als Therapie, sondern als Kunstgriff. Er baut ein Hotel als Bühne, um in dieser Bühne Anteile an einen Tisch zu setzen: den Schaffenden (Tonio), den verrückt Großzügigen (Gustav), den Systemdenker (AuDHS), den Beziehungsmenschen (Morgenstern), den Bleiber und Geher (Hans), und bezoo als frühe Synthesefigur aus Trickster, Künstler und Wunschidentität.
Wenn man das ernst nimmt, dann ist die Fertigstellung nicht nur Layout. Sie ist die Umstellung von „ich schreibe“ auf „ich bin“. Und das ist – um in diesem Vokabular zu bleiben – eine andere Form von bestforming: nicht mehr Optimierung, sondern Selbstfürsorge und Reflexion als Übergangszustand, der wiederholbar ist.
Teil 15 – Warum dieser Bericht mehr ist als Werkstatt: Sinnverschiebungen statt Ereignissammlung
Verehrte Leserin, verehrter Leser, das Interessante an einem “Making of” ist selten, dass „viel passiert ist“. Das Interessante ist, dass sich der Sinn verschiebt.
Am Anfang stand vor allem die Achse: Mann-Technik, Sonnenalp-Setting, bestforming als moderne Kur.
Im Verlauf wird sichtbar: Der Roman war auch Identitätsarbeit. Weg von einer reinen Systemfigur („AuDHS als Identität“) hin zu einer Person, die sich erlaubt, Beziehung als Haupttreiber anzuerkennen, ohne das Schaffen zu entwerten. Und er war ein Versuch, eine alte Drohung – Anerkennung nur bei Leistung – durch ein eigenes, würdiges Werk zu entkräften. „Jetzt bin ich auch zufrieden mit mir selbst“ ist, in diesem Licht, kein literarischer Effekt, sondern ein Ergebnis.
Das macht den Bericht zu mehr als Produktionsbeschreibung. Er zeigt, wie ein Roman als Maschine gebaut wird – und wie diese Maschine zugleich den Autor neu beschreibt.
Ausblick – Mehr Kaleidokosmos und am Ende eine psychografische Biografie zwischen beingloco und bestforming
Dieses „Making of“ könnte am Uhrzeitstempel enden. In Wirklichkeit endet es nicht dort – aber nicht nur, weil ein Buch nachwirkt, sondern weil ich an dieser Stelle einen Denkfehler korrigieren muss, der sich zu leicht einschleicht, wenn man nur auf den ersten Band schaut: „Kaleidokosmos“ ist nicht dieser eine Roman.
Wenn man es aus der Perspektive des Universums betrachtet, ist der Kaleidokosmos die Galaxie, in der sich meine fiktive Welt von mir abschwirrt: ein eigener Raum mit eigenen Regeln, eigener Gravitation, eigener Zeitrechnung – und mit eigenen Wiederholungen, die sich wie Leitmotive verhalten. „Kaleidokosmos: Zauberberg, Sonnenalp und bestforming in Venedig“ ist in dieser Logik nicht der Kaleidokosmos, sondern ein Planet, vielleicht der erste, der sichtbar bewohnt wird: ein Band, ein Orbit, ein Anfang, der bereits zeigt, wie diese Galaxie funktioniert.
Daneben gibt es andere Galaxien. Die wichtigste ist die meiner Realität – die Benny-Galaxie, nach dem Spitznamen, den meine Frau verwendet, im Prinzip mein “echter” Name. Und wie in jedem ernstzunehmenden Modell ist es nicht so, dass diese Galaxien hermetisch getrennt wären. Es gibt Überlappungen, Übergangsnebel, gemeinsame Materie. Meine Start-ups gehören für mich zu beiden: zur Realität, weil sie dort Geld, Verantwortung, Termine, Risiken haben – und zum Kaleidokosmos, weil sie dort als Figurenmaterial, als Systemmetaphern, als Ethik- und Stilfragen auftauchen. Umgekehrt ist dieser Roman ganz klar Kaleidokosmos-Galaxie – auch wenn er die Benny-Galaxie vollständig kennt, als hätte er sie kartographiert, um sich bewusst von ihr abstoßen zu können.
In diesem Sinn ist der Uhrzeitstempel vom 9. Januar 2026 um 13:27 nicht nur das Ende einer Schreibwoche, sondern der Moment, an dem ein Kosmos bestätigt, dass er tragfähig ist. Und genau deshalb geht es literarisch nach „Zauberberg, Sonnenalp und bestforming in Venedig“ nicht einfach weiter – es geht weiter im Kaleidokosmos.
Das ist keine vage Absichtserklärung, sondern bereits Material: Für meinen zweiten Roman existiert schon ein fertiges Manuskript: „Kaleidokosmos: Die Brüder Morgenstern“. „Morgenstern“ ist tatsächlich der Name meiner Mutter, und die „Brüder“ sind mein Großvater Gerhard – also der Vater meiner Mutter – und dessen Bruder Siegfried, genannt Friedel Morgenstern. Ich habe dieses Manuskript in meinen Flitterwochen mit meiner Frau im Jahr 2015 geschrieben. Es ist da – aber es ist, wie vieles, was im beingloco entsteht, noch nicht in die endgültige Form überführt. Genau das ist der nächste Schritt: endlich ausformulieren, nicht aus Nostalgie, sondern weil diese Familienmaterie in der Kaleidokosmos-Galaxie eine eigene Gravitation besitzt.
Danach folgt „Kaleidokosmos: Die Räuber“ – als Neufassung des Romans, den ich 2008 unter Pseudonym veröffentlicht habe. Ich will diesen Text nicht einfach „überarbeiten“, sondern ihn in den Kaleidokosmos zurückholen: ihm eine neue Sprache geben, die mit dem Ton dieser Galaxie kompatibel ist, und ihm zugleich die Scham nehmen, die alte Texte manchmal umgibt, nur weil man inzwischen anders geworden ist.
Darauf folgt „Kaleidokosmos: Bekenntnisse des Urenkels des Hochstaplers Felix Krull“. Mit diesem vierten Roman werde ich meine Thomas-Mann-Phase dann vorerst abschließen – nicht als Abkehr, sondern als bewusstes Ende einer literarischen Umlaufbahn: Ich nehme mir die Nähe, solange sie produktiv ist, und ich beende sie, bevor sie zur Pose wird.
Erst danach – und das ist die neue, saubere Reihenfolge – kommt die nächste Veröffentlichung, die nicht mehr in der Kaleidokosmos-Galaxie spielt, sondern in der Benny-Galaxie und in ihren Überlappungen: die psychografische Biografie. Ihr Titel wird lauten:
„Being bezoo, Dr. AuDHS, Philipp Morgenstern, Tonio Kröger, Gustav von A. und ich: Eine psychografische Halbzeit-Biografie“
Dieses Buch wird nicht so tun, als gäbe es nur eine Erzählerfigur, die „Benjamin Erhardt“ heißt. Es wird meine innere Besetzung beim Namen nennen – nicht als Maskerade, sondern als Funktionslehre meines eigenen Lebens: bezoo als frühes Labor, Dr. AuDHS als Übersetzer der Systeme, Philipp Morgenstern als Grenzarbeiter, Tonio Kröger als Schaffensmotor, Gustav von A. als ästhetischer Sog – und ich als der, der zwischen ihnen vermittelt, solange ich mich nicht aus Versehen wieder für eine dieser Rollen halte.
Am 9. Januar 2026 um 13:27 war ein Roman fertig. Aber der Kaleidokosmos war damit nicht „abgeschlossen“, sondern eröffnet. Und das Material, das sich in dieser Woche freigelegt hat – Heimat, Irrtum, Schuld, Masken, Schaffen, Mentoren, Start-ups als Übergangsobjekte, und die Frage, wie man gehen und bleiben kann, ohne sich zu verlieren – hat nicht aufgehört. Es hat erst angefangen, sich als Lebensform und als Werkform zu zeigen.