6d 18h 50min में एक उपन्यास (भाग 2)

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Teil 3 – Vier Mentoren – vier Funktionen – vier Tode

Wenn man „Kaleidokosmos: Zauberberg, Sonnenalp und bestforming in Venedig“ als Produkt einer Schreibwoche liest, übersieht man leicht, dass es in Wahrheit aus Jahrzehnten kommt – und dass diese Jahrzehnte nicht nur aus Projekten und Systemen bestehen, sondern aus Menschen.

Die Widmung ist der Ort, an dem diese Menschen nicht als Figuren auftreten, sondern als Quelle: als Autorität, als Gegenüber, als Maßstab. Sie ist damit weniger Schmuck als Schwelle. Sie sagt, bevor die eigentliche Erzählung beginnt: Hier wird nicht nur erfunden, hier wird berichtet – über ein inneres Ergebnis.

Vier Mentoren stehen dort, und alle vier sind tot. Alle vier waren erheblich älter. Alle vier geben, aus der Distanz des Todes, eine Form von Auftrag, Schutz und Last. Und genau diese Konstellation verändert die ganze Temperatur dieses Werkes: Es geht nicht nur um Optimierung, sondern um eine Art verspätete Antwort.

Joachim (Goth)

Joachim (Goth) ist der erste Name, und wenn ich verstehen will, warum er in meiner Widmung nicht wie ein „Dank“ klingt, sondern wie ein Fundament, muss ich sehr weit zurückgehen: an den Moment, als ich von der Grundschule auf das Karls-Gymnasium in Stuttgart wechselte – als Einziger aus meiner Klasse, weil nur dort das humanistische Gymnasium existierte. Das ist eine jener unscheinbaren biografischen Miniaturen, in denen sich später ganze Mechaniken zeigen: ein Mensch fällt aus einem vertrauten System, nicht dramatisch, aber einsam; und dann trifft er auf jemanden, der nicht rettet, indem er erklärt, sondern indem er erlaubt.

Joachim war mein Lateinlehrer in der fünften Klasse, und er unterrichtete Latein ohne Druck – so, dass es nicht zur Pflichtübung verarmte, sondern all die Jahre hindurch interessant blieb. Er las uns Märchen aus aller Welt vor; das war nicht „Stoff“, das war Weltöffnung. Ich saß in diesem Unterricht nicht nur als Schüler, sondern als jemand, der – ohne es damals zu wissen – eine Erfahrung sammelte, die später in meinen Texten wiederkehrt: dass Bildung nicht zuerst ein Programm ist, sondern eine Atmosphäre, in der man nicht kleiner gemacht wird.

In der zwölften und dreizehnten Klasse wurde aus diesem Lehrer dann ein Mensch: Griechisch-Leistungskurs, zwei Schüler, Joachim und ich – ein Verhältnis, das nicht mehr „Klasse“ heißt, sondern Begegnung. Nach der Schule brach der Kontakt nicht ab, sondern wurde zu einer lebenslangen Freundschaft, die auch seine Frau, und seine 3 Kinder umfasste und die nach Joachims Tod nicht endete; die Verbindung besteht fort, als wäre der Tod nicht Abbruch, sondern eine veränderte Form der Nähe.

Dazu kam – als fast komischer, fast rührender Beweis dafür, wie ernst diese Beziehung war – ein gemeinsamer Gedanke, der in normalen Bekanntschaften selten vorkommt: die Idee einer platonischen Demokratie mit zufällig gewählten Volksvertretern. Joachim war für mich intellektuell prägend; vor allem aber war er wahn-gütig: Er ließ mich so sein, wie ich bin, förderte mich, enttäuschte mich nie, war verlässlich und lieb.

Joachim ist in diesem Quartett der Mentor, der nicht antreibt, sondern hält. Und gerade weil er tot ist, wirkt diese Halt-Geste rückwirkend wie ein Auftrag: So hätte es sein sollen; so kann es sein; so muss es – wenn Glück nicht nur als Schub, sondern als Beziehung begriffen wird – wieder werden.

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Werner (Kieser)

Werner (Kieser) ist der zweite Name, und er steht für eine Mentorschaft ganz anderer Art: nicht als Ersatzvater, nicht als Lehrer der Sprache, sondern als jemand, der mich in der Welt der Methode und der Struktur erkannte – und mir damit eine Form äußerer Legitimation gab, die ich bis dahin kaum gekannt hatte.

Dass unsere Begegnung mit einem Interview begann, ist bezeichnend. Ich fragte an, Werner sagte zu, und schon in der Videokonferenz war sofort klar, dass er mich mochte. Dieses Gespräch dauerte über drei Stunden – nicht als Pflichttermin, sondern als Resonanzraum. Danach folgten E-Mails, ein regelmäßiger Austausch, und schließlich ein gemeinsames Projekt: der GYMcube als Franchise, entworfen in einer Zusammenarbeit, die weit über Geschäftliches hinausging.

Werner schickte mir sein Buch über Franchising für KMU persönlich zu; und an dieser Stelle wurde diese Mentorschaft beinahe körperlich greifbar: Der handgeschriebene Zettel mit „Liebe Grüße, Werner Kieser“ hängt bis heute bei mir an der Wand wie eine kleine Reliquie. Wer in einer Unruhe lebt, die ständig neu anfangen will, hält sich manchmal an einem Stück Papier fest, um eine Beziehung zu fixieren, die nicht aus Blut besteht, sondern aus Anerkennung.

Werner war für mich der Mentortyp „Struktur als Würde“: weniger impulsiv, weniger fliegend, mehr Wiederholung, mehr stilles Gesetz – und damit ein Gegenbild zu dem, was sich in mir so gern überschlägt. Zugleich war er erstaunlich mutig in seiner Anerkennung: Er hätte mit mir ein Personal-Training-Konzept aufgebaut, das in direkter Konkurrenz zu Kieser-Training hätte stehen können; finanziell wäre es ihm egal gewesen, symbolisch jedoch war es enorm, weil er meinen Ansatz für das bessere Training hielt.

Und er bestand auf Präzision: Geräte, nicht Maschinen – sie machen nichts von allein. In dieser pedantischen Korrektur steckt eine Ethik: Nicht das System tut es, sondern der Mensch. Sein Tod im Jahr 2021 schnitt dieses Projekt ab, noch bevor der erste sichtbare Erfolg eintrat. Und doch ist es gerade diese Unterbrechung, die Werner für mich so wirksam macht: Er hinterließ eine offene Schleife, die nicht als Frust, sondern als Zukunftstür wirkt.

Ich greife dieses Franchise heute wieder auf – nun aus einem Zustand der Zufriedenheit heraus – und mache mich nach Werners Methodik daran, gemeinsam mit KI eine moderne, digitalisierte Struktur zur Verwaltung von Franchise-Unternehmen zu bauen.

Der entscheidende Satz aber, der Werner in meinem Leben zu einer Art innerem Gegengift macht, ist sein letzter Rat, gegeben in einem Moment meiner Ungeduld:

„Seien Sie geduldig, lieber Herr Erhardt, Sie sind noch so jung und haben noch so viel Zeit.“

Ich war damals 41. Ich habe das endlich verstanden. Und wenn man das ernst nimmt, dann ist Werner nicht nur ein Mentor meiner Projekte, sondern ein Mentor meiner Zeit.

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Ulrich (Borucki)

Ulrich (Borucki) ist der dritte Name, und er ist – wie Werner – ein Mentor, den ich nicht als reine Wärmefigur erinnere, sondern als ambivalenten, zugleich unverzichtbaren Eingriff in meine Lebensform.

Schon die Eintrittstür ist typisch für diese Moderne, in der Rollen nicht sauber getrennt sind: Ulrich ist Dermatologe, aber ich begegnete ihm nicht als Hautarzt, sondern als Ernährungsberater eines Konzepts namens „Metabolic Balance“. In diesem Setting erkannte Ulrich sofort ADHS – nicht als Modeetikett, sondern als Blickdiagnose: als jemand, der etwas sah, was andere nicht sahen.

Ich lernte Ulrich 2010 kennen; 2015, als ich das Startup AGILEMENT “machte”, war meine Verhaltenstherapie bei ihm in dem Sinne abgeschlossen, wie ich damals meine Fortschritte verstand. Diese fünf Jahre waren kein abgeschlossener Therapieblock, sondern ein Labor. Ulrich lehrte mich nicht nur Techniken, sondern vor allem, nicht bei anderen Menschen “anzudocken” – und damit den ersten Schritt hin zu eigenen Bedürfnissen, Grenzen und Beziehung.

Und doch blieb Ulrich zwiespältig. Er rechnete über Jahre dermatologische Behandlungen ab, weil er die ADHS-Verhaltenstherapie nicht offiziell machte. Das war einerseits gut, weil sie überhaupt stattfand; andererseits schlecht, weil dadurch Einordnung, Kontrolle und ein größerer Rahmen fehlten. Viele Dinge ordnete er nicht richtig ein; ich verstand den großen Zusammenhang nicht.

Vor allem aber: Ulrich sah den Autismus nicht. Und so blieb nach allen Fortschritten ein Rest Fremdheit, der sich nicht dadurch erklären ließ, dass „ADHS halt so ist“ – weil ich mich, selbst im Vergleich zu anderen Menschen mit ADHS, auch zu meiner Frau, immer anders erlebte. Dieser blinde Fleck ist nicht nebensächlich. Er ist der Grund, warum Methode irgendwann an ihre Grenze kommt.

Ulrich half mir bei vielem – AGILEMENT ist hier ein direktes Ergebnis –, aber er konnte nicht alles heilen, was nach Heilung schrie, weil nicht alles Methode ist, was nach Methode schreit. Hinzu kommt eine zweite, unangenehme Modernitätsnote: Ulrich trug – nicht im Charakter, aber im medizinischen Zugriff – etwas von jenem Ansatz in sich, der im Roman Dr. Porsche zugeschrieben wird: Gewinnlogik vor medizinischer Notwendigkeit.

Und schließlich gehört auch die Temperatur der Trauer hierher. Ulrich nimmt – wie Werner – eine andere Stellung ein als Joachim und Jean. Ich sage offen, dass mich sein Tod nicht in derselben Tiefe getroffen hat. Er bleibt dennoch unverzichtbar: als der Erste, der verstand – und der mir zugleich zeigte, dass Verstehen nicht identisch ist mit Vollständigkeit.

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Jean (Rennette)

Jean (Rennette) ist als vierter Mentor derjenige, der am wenigsten „lehrbuchhaft“ wirkt – und gerade darum eine der deutlichsten Figuren in meinem psychographischen Tableau.

Joachim Goth kann man den guten Lehrer und Ersatzvater nennen: die Ordnung, die nicht knebelt, sondern hält. Ulrich Borucki war der Erste, der verstand – nicht nur in der Diagnose, sondern in der Praktik. Werner Kieser ist der Mentortypus „Struktur als Würde“: weniger impulsiv, weniger fliegend, mehr Wiederholung, mehr stilles Gesetz.

Jean jedoch ist die Ausnahmefigur, verehrte Leserin, verehrter Leser: Mentor als Wahlverwandtschaft, als Wahlzwilling, als Energie, die nicht ordnet, sondern entzündet. Dass ich mich in den Bildern aus Jeans Leben als sein Wahlzwilling erkenne, ist nicht bloß Sentiment; es ist eine präzise Selbstbeschreibung meiner Nähe zu einem Prinzip. Jean steht für das „Ich mache es, weil es noch nicht existiert“ – und damit für eine Form von Schaffen, die nicht um Erlaubnis bittet.

Die Bilder sind in diesem Sinn nicht Dekoration, sondern Beweisstücke einer Mentorenschaft, die aus Handlung besteht. Da ist das Foto mit der Zeile:

„At 18 months, Jean teaches Pierre to ski. He made the skis because they didn’t exist that small!“

Der Satz ist so beiläufig, dass er fast wie ein Witz wirkt; und doch steckt darin ein ganzes Weltverhältnis, das ich sofort als mir verwandt erkannt habe: Wenn es das Notwendige nicht gibt, baut man es. Wenn die Welt zu groß ist, macht man sie kleiner.

Ein anderes Bild trägt den lakonischen Satz: „Removing his cast with lobster scissors“. Den Gips nicht mit irgendeiner Schere selbst weggeschnitten, nein, mit Lobsterscheren. Das ist Jean in Reinform – Improvisation als Fürsorge, beingloco als Dienst am Konkreten. Wenn etwas weg muss, findet man ein Mittel. Wenn man kein Mittel hat, erfindet man eins. Und ich erkenne darin nicht nur den Mentor, sondern den Bruder im Impuls: dieses schnelle Vertrauen, dass die Welt reparierbar ist, wenn man sie nur anfasst.

Dann die Sätze „Always teaching…“ und „Always staying busy…“ – und dazu jene Bilder, in denen Jean mit Kindern arbeitet, kniet, gärtnert, baut. Busy nicht gegen die Welt, sondern für sie. Es sind Szenen, die gerade in ihrer Unspektakularität den Kern von Mentorenschaft zeigen: nicht der große Vortrag, sondern die wiederholte Geste, in der ein Kind – und ich – lernt, dass Dinge gemacht werden dürfen.

Und dann die ruhigeren Bilder, in denen Nähe und Arbeit nicht als Gegner auftreten. Jean am Telefon, ein Kind an ihn gelehnt, schlafend. Jean auf der Couch, Laptop offen, ein Kleinkind daneben. Jean am Tisch, Papier, Rechner, Stift; zwei Kinder schreiben mit. Während ich diese Bilder sehe, wird mir klar, warum sie mich so treffen: Sie zeigen eine Lebensform, in der Arbeit nicht gegen Beziehung ausgespielt wird, sondern sich in sie einfügt.

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