जैसे मैंने एक Schreibwoche में Sonnenalp, चार Mentoren, bestforming और beingloco के बीच अपना Roman „Kaleidokosmos: Zauberberg, Sonnenalp und bestforming in Venedig“ लिखा.
Intro
अंत में एक Uhrzeitstempel steht, जो उतना ही unspektakulär aussieht, जितने alle Enden aussehen, जिन्हें man sich vorher dramatischer vorgestellt hatte: Freitag, 9. Januar 2026, 13:27 Uhr – „Fertigstellung inklusive Layout“. यह वह Art Schluss है, जो einem Werk, das sich so lange mit Übergängen, Schwellen, Kalendergrenzen und dem „außer Ordnung“ beschäftigt hat, fast zynisch gut steht: keine Explosion, keine Apotheose, kein Feuerwerk – sondern ein leiser Klick in einer Datei, eine letzte Formatierung, eine letzte Zeile, die sich nicht mehr bewegt.
Doch der Titel dieses Berichts behauptet etwas, das mehr ist als Statistik, und das man deshalb aussprechen muss, bevor man es vergisst: 6 Tage, 18h und 50min. यह nicht die hübsche Übertreibung einer Legende है, sondern die tatsächliche Dauer zwischen dem Moment, in dem die „Mann-Maschine“ ansprang, und dem Moment, in dem sie stillhielt. Der Startpunkt war Freitag, 2. Januar 2026, 18:37 Uhr. Von dort bis Freitag, 9. Januar 2026, 18:37 Uhr wären es genau sieben Tage gewesen. Aber das Ende fiel nicht auf 18:37, sondern auf 13:27 – also 5 Stunden und 10 Minuten früher. Sieben Tage minus 5:10, und die Schreibwoche schrumpft zu dem, was im Titel steht: 6 Tage, 18 Stunden und 50 Minuten.
Diese Zahl ist, verehrte Leserin, verehrter Leser, kein sportlicher Rekord, den man sich an die Brust heftet. Sie ist das Maß eines Zustands. Sie ist Tonio-Schaffen in Kalenderform: eine knappe Zeitspanne, in der ich nicht „ab und zu“ schreibe, sondern in der Schreiben zur Lebensweise wird, zur Kur, zur Selbstorganisation, zum Versuch, durch Geschwindigkeit eine Ordnung herzustellen, die sich sonst nicht einstellt. Dass der Roman selbst von bestforming, Ritualen, Messwerten und Logbüchern handelt, ist hier mehr als Stoffwahl; es ist Spiegelung. Der Text entsteht in einer Produktionsweise, die dem Text ähnelt: Zeit wird nicht erlebt, sie wird vermessen; das Ende ist nicht Erlösung, sondern ein Beleg dafür, dass Form gefunden wurde.
Und doch ist dieser Stempel – 13:27 – nicht bloß Verwaltung. Er ist Motiv. Er ist die moderne Variante des „Schlusses“, den Thomas Mann seiner großen Maschine manchmal gönnt: nicht als Frieden, sondern als Nachweis, dass sich etwas schließen ließ. Und weil „Kaleidokosmos: Zauberberg, Sonnenalp und bestforming in Venedig“ nie nur ein Roman sein wollte, sondern zugleich Selbstbeobachtung, Stilversuch, Zuneigungserklärung und – ja – eine höflich verkleidete Selbstentblößung, wird die Spanne von 6 Tagen, 18 Stunden und 50 Minuten zum Angelpunkt eines Berichts, der mehr ist als Produktionsnotiz. Sie wird zur Spur eines inneren Vorgangs.
Verehrte Leserin, verehrter Leser, das ist die entscheidende Prämisse dieses “Making of”: Es beschreibt nicht nur, wie ein Text entstand. Es beschreibt, warum er so entstehen musste – in dieser Dichte, in dieser Kürze, in dieser fast unverschämten Woche –, um mich in einer bestimmten Weise zu entlasten, zu ordnen, aufzuwühlen und – im besten Fall – zu integrieren.
Vor Teil 1 –
Ich empfehle die “Sonnenalp” (und “die Empfehlung ist die sanfteste Form des Befehls”)
Verehrte Leserin, verehrter Leser (hier dürfen Sie bzw. darfst Du diese Anrede einmal wörtlich nehmen),
ich empfehle Ihnen – ich empfehle Dir – die Sonnenalp.
Und ich meine das nicht als Hotelkritik, nicht als Reiseführer, nicht als das, was man heute „Tipp“ nennt, sondern als eine Empfehlung im alten Sinn: als Übergabe eines Ortes, der mehr tut, als man von einem Ort erwarten darf. Denn die Sonnenalp ist für mich nicht nur ein Gebäude, nicht nur eine Adresse, nicht nur ein Ort, an dem man ankommt und wieder abreist. Sie ist mir zweite Heimat geworden, ein „Zimmer im Inneren“, das ich betrete, sobald ich durch ihre Türen gehe.
Das ist etwas, was man kaum beschreiben kann, ohne kitschig zu werden. Man versucht es dann mit Dingen: mit Licht, das auf Holz fällt; mit Gerüchen, die so unaufdringlich sind, dass sie erst im Nachhinein wie eine Hand wirken; mit dem Geräusch von Schritten auf Boden, der nicht nach Straße klingt, sondern nach Innen. Man versucht es mit Blickachsen: der Leuchter in der Halle wie eine schwarze Sonne; die Bibliothek darüber, als sei das Denken selbst eine Etage höher untergebracht; das Musikzimmer als Behauptung, dass Kultur nicht nur Dekor ist. Und man versucht es, wenn man ehrlich ist, mit einem Satz.
„Empfehlung“ ist dabei ein heikles Wort. Es klingt freundlich, aber es hat eine Kante. Es tut so, als sei es unverbindlich, und ist doch eine Form von Einfluss. Wer empfiehlt, nimmt sich das Recht, in die Entscheidungen anderer hineinzureden – mit einem Lächeln, das sich selbst für harmlos hält. Deshalb ist es gut, wenn man sich an dieser Stelle an einen meiner eigenen Sätze erinnert, den ich später meinem Roman in den Mund gelegt habe: die Empfehlung ist die sanfteste Form des Befehls.
Denn genau so funktioniert die Sonnenalp auch. Nicht als Zwang, nicht als Drill, nicht als harte Regel, sondern als ein System aus sanften Befehlen: Sie empfiehlt Ruhe. Sie empfiehlt Ordnung. Sie empfiehlt, den Lärm des Tals unten eine Weile nicht ernst zu nehmen. Sie empfiehlt, sich selbst ernst zu nehmen – nicht auf die eitle Art, sondern auf die vorsichtige. Und sie empfiehlt, dass man hier verweilen darf, ohne sich entschuldigen zu müssen.
Was ich Ihnen – was ich Dir – damit eigentlich empfehle, ist nicht „ein Wochenende“. Es ist eine Erfahrung von Verweilen, die in meiner Welt selten geworden ist: ein Frieden, der nicht erarbeitet werden muss, und der nicht sofort wieder in eine Aufgabe umkippt. Und genau deshalb ist diese Empfehlung ambivalent. Denn wer einen Ort findet, der einen beruhigt, wird versucht sein, ihn zu benutzen. Und wer schreibt, benutzt Orte.
Ich empfehle die Sonnenalp also auch in einem zweiten, gefährlicheren Sinn: als Werkstatt. Als Bühne. Als jene Art von zweiter Heimat, die es einem überhaupt erst erlaubt, die erste Heimat – die eigene innere Unruhe – anzuschauen, ohne sofort daran zu ertrinken. Wenn ich sage, ich empfehle die Sonnenalp, dann sage ich auch: Hier habe ich die Ruhe gefunden, die ich brauchte, um ein Werk zu schreiben, das dieser Ruhe im Text den Frieden nehmen musste.
Und damit sind wir, verehrte Leserin, verehrter Leser, schon mitten in der Ironie, die Thomas Mann gefallen hätte: Dass eine Empfehlung, die Frieden geben will, am Ende ein Befehl an die Literatur wird. Denn ich kann Ihnen die Sonnenalp empfehlen – aber ich kann Ihnen nicht empfehlen, was sie mit Ihnen machen könnte, wenn Sie Künstlerin, Autor oder die kleine Maus Frederick sind.
Teil 1 –
Der eigentliche Rohstoff: ein Ort, der beruhigt – und deshalb literarisch entstellt werden muss
Dieses “Making of” beginnt nicht mit Plot, sondern mit einem Satz an einer Wand.
Denn das, was den Roman in Gang setzt, ist – nüchtern betrachtet – ein Widerspruch: Die Sonnenalp ist im Prolog ausdrücklich „zweite Heimat“, ein „Zimmer im Inneren“, ein Ort der Wiederkehr, der Erlaubnis, des Aufgehobenseins. Gerade deshalb, verehrte Leserin, verehrter Leser (hier bitte ich Sie bzw. Dich zum zweiten und letzten Mal, diese Anrede wörtlich zu nehmen), ist sie als Stoff so gefährlich: Wer einen Ort wirklich kennt, wer dort nicht nur Gast ist, sondern Wiederkehrender, besitzt ihn innerlich – und wird gleichzeitig von ihm besessen. Und Besitz erzeugt Verantwortung.
Literatur aber, wenn sie nach Thomas Mann riechen soll, erzeugt nicht Verantwortung, sondern Spannung: Schuld, Verschiebung, Unruhe, „unerquicklich“ im Sinn von: Es ist nicht bequem, es geht einem nach.
Diese Spannung – Heimat als Beruhigung, Literatur als Störung – wird im Werkstattdenken als Kernthese benannt: Der Autor braucht den Frieden als Ort, aber er braucht die Unruhe als Literatur. Darum wird die Sonnenalp, die reale, friedliche, „verweilende“, in der Fiktion zu einer Bühne der Schwelle umgebaut: Empfangstresen, Leuchter, Rituale, Programme, Messwerte, Würfelkabinen, ein Ring, der sieht – und vor allem: ein Spruch, der den Ort nicht mehr beruhigt, sondern antreibt.
Das ist der erste große Kunstgriff – und zugleich der erste große biografische Hinweis: Wer so arbeitet, arbeitet nicht an irgendeinem Material. Ich arbeite an einem Material, das mich beruhigt – und ich nehme ihm diese Beruhigung weg, damit ich schreiben kann.
Teil 2 – Der Spruch-Irrtum als größere Tür: Wie ein Foto das Motto erfand
Der zweite Kunstgriff ist eine Auslassung – aber er ist, in seiner Entstehung, kein Kunstgriff im klassischen Sinn, sondern ein Prozess.
In der echten Sonnenalp lautet der Spruch in der Empfangshalle: „Freude dem, der kommt. Friede dem, der verweilt. Segen dem, der geht.“ Drei Zeilen, drei Zustände, eine kleine Ethik der Gastlichkeit. Ankommen als Freude. Bleiben als Frieden. Gehen als Segen.
Im Roman jedoch steht verkürzt und verschoben: „Freude dem, der kommt. Freude dem, der geht.“
Die Wirkung dieser Verkürzung ist enorm, und sie war – das ist die eigentliche Pointe – nicht zuerst Absicht, sondern Irrtum. Die Formel entstand, weil ein Foto nur Fragmente erkennen ließ: genug, um „Freude dem, der komm…“ zu lesen, genug, um eine mittlere Zeile als „Friede dem, d…“ zu ahnen, und genug, um unten „…dem, der…“ zu sehen, ohne den entscheidenden Begriff. Aus diesem Fragment wurde schnell geschlossen, dass die Wiederholung „Freude“ konzeptionell sein müsse, eine symmetrische Rahmung des Kommens und Gehens.
So schrieb sich das Motto in den Text – nicht als bewusste ästhetische Entscheidung des Autors, sondern als automatischer, plausibler Schluss aus unvollständigen Daten. Ein System-1-Moment, könnte man später sagen: schnell, elegant, falsch – und gerade dadurch produktiv.
Erst danach passierte das, was Thomas Mann besonders gefallen hätte: Die nachträgliche Sinngebung. Sobald die Formel einmal im Roman stand, begann sie zu arbeiten. Sie wurde Leitmotiv, moralisches Messer, ironischer Motor. Der Eindruck entstand, die Auslassung sei ein bewusstes „Unterschlagen“ des Friedens: als wolle der Autor seiner zweiten Heimat den beruhigenden Mittelteil entziehen, um eine Mann’sche Unruhe zu erzwingen.
Diese spätere Deutung ist nicht gelogen – sie ist nur zeitlich falsch. Sie beschreibt nicht den Ursprung, sondern das Resultat: Denn auch wenn die Auslassung nicht geplant war, wurde sie, nachdem sie da war, angenommen, ausgebaut, verteidigt, mythologisiert. Der Irrtum schrieb mit – und das Werk tat später so, als sei es Absicht gewesen. Genau diese Kette, verehrte Leserin, verehrter Leser, ist Mann’sche Ironie in Reinform: Das Werk behauptet Kontrolle, wo es Zufall gab; es erzeugt Bedeutung, indem es die Zufälligkeit im Nachhinein als Notwendigkeit behandelt. Kunst entsteht nicht nur aus Wollen, sondern aus dem, was sich dem Wollen entzieht und dann integriert werden muss.
Und nun kommt die zweite Zufallspointe hinzu, die die Modernität komisch markiert: Dass im echten Spruch „Segen dem, der geht“ steht. Dieses Wort hätte im Roman kaum stehen bleiben können. Nicht, weil der Autor Religion „schlecht“ fände, sondern weil die Romanwelt – Optimierungsprogramme, Tracking, Resort-Ästhetik, säkularer Gesundheitskult – das Vokabular des Segens nicht mehr trägt. „Segen“ klingt nach Kirche; der Roman arbeitet mit Messwerten, nicht mit Sakramenten. „Freude“ dagegen klingt nach Marke, nach Angebot, nach Event: genau die semantische Oberfläche, in der ein modernes Optimierungsresort sich moralisch tarnt.
So wird aus einem Lesefehler ein Stilgesetz. Aus einem Fragment wird eine Ethik. Aus einer falschen Wiederholung wird eine richtige Romanschrift.
Und wenn man diese Kette ernst nimmt, dann ist der Spruch nicht nur Dekor. Er ist das Programm, das den Ort von innen umlackiert: Die reale Heimat sagt Ankommen – Bleiben – Gehen. Der Roman sagt Ankommen – Gehen. Das Bleiben wird nicht gefeiert, sondern zum Problem gemacht. Nicht weil der Autor es bewusst so plante, sondern weil der Irrtum ihm die härtere, produktivere Formel anbot – und er sie, in der Logik des Schaffens, annahm.
Hier zeigt sich die tiefe, fast unheimliche Passung zu Mann: Auch der “Zauberberg” ist voller poetischer Freiheiten, Datums-Pointe, Selbstkommentar. Und auch dort ist das scheinbar Zufällige oft die Stelle, an der der Text seine eigentliche Notwendigkeit zeigt.
Teil 3 – Vier Mentoren – vier Funktionen – vier Tode
Wenn man „Kaleidokosmos: Zauberberg, Sonnenalp und bestforming in Venedig“ als Produkt einer Schreibwoche liest, übersieht man leicht, dass es in Wahrheit aus Jahrzehnten kommt – und dass diese Jahrzehnte nicht nur aus Projekten und Systemen bestehen, sondern aus Menschen.
Die Widmung ist der Ort, an dem diese Menschen nicht als Figuren auftreten, sondern als Quelle: als Autorität, als Gegenüber, als Maßstab. Sie ist damit weniger Schmuck als Schwelle. Sie sagt, bevor die eigentliche Erzählung beginnt: Hier wird nicht nur erfunden, hier wird berichtet – über ein inneres Ergebnis.
Vier Mentoren stehen dort, und alle vier sind tot. Alle vier waren erheblich älter. Alle vier geben, aus der Distanz des Todes, eine Form von Auftrag, Schutz und Last. Und genau diese Konstellation verändert die ganze Temperatur dieses Werkes: Es geht nicht nur um Optimierung, sondern um eine Art verspätete Antwort.
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Joachim (Goth)
Joachim (Goth) ist der erste Name, und wenn ich verstehen will, warum er in meiner Widmung nicht wie ein „Dank“ klingt, sondern wie ein Fundament, muss ich sehr weit zurückgehen: an den Moment, als ich von der Grundschule auf das Karls-Gymnasium in Stuttgart wechselte – als Einziger aus meiner Klasse, weil nur dort das humanistische Gymnasium existierte. Das ist eine jener unscheinbaren biografischen Miniaturen, in denen sich später ganze Mechaniken zeigen: ein Mensch fällt aus einem vertrauten System, nicht dramatisch, aber einsam; und dann trifft er auf jemanden, der nicht rettet, indem er erklärt, sondern indem er erlaubt.
Joachim war mein Lateinlehrer in der fünften Klasse, und er unterrichtete Latein ohne Druck – so, dass es nicht zur Pflichtübung verarmte, sondern all die Jahre hindurch interessant blieb. Er las uns Märchen aus aller Welt vor; das war nicht „Stoff“, das war Weltöffnung. Ich saß in diesem Unterricht nicht nur als Schüler, sondern als jemand, der – ohne es damals zu wissen – eine Erfahrung sammelte, die später in meinen Texten wiederkehrt: dass Bildung nicht zuerst ein Programm ist, sondern eine Atmosphäre, in der man nicht kleiner gemacht wird.
In der zwölften und dreizehnten Klasse wurde aus diesem Lehrer dann ein Mensch: Griechisch-Leistungskurs, zwei Schüler, Joachim und ich – ein Verhältnis, das nicht mehr „Klasse“ heißt, sondern Begegnung. Nach der Schule brach der Kontakt nicht ab, sondern wurde zu einer lebenslangen Freundschaft, die auch seine Frau, und seine 3 Kinder umfasste und die nach Joachims Tod nicht endete; die Verbindung besteht fort, als wäre der Tod nicht Abbruch, sondern eine veränderte Form der Nähe.
Dazu kam – als fast komischer, fast rührender Beweis dafür, wie ernst diese Beziehung war – ein gemeinsamer Gedanke, der in normalen Bekanntschaften selten vorkommt: die Idee einer platonischen Demokratie mit zufällig gewählten Volksvertretern. Joachim war für mich intellektuell prägend; vor allem aber war er wahn-gütig: Er ließ mich so sein, wie ich bin, förderte mich, enttäuschte mich nie, war verlässlich und lieb.
Joachim ist in diesem Quartett der Mentor, der nicht antreibt, sondern hält. Und gerade weil er tot ist, wirkt diese Halt-Geste rückwirkend wie ein Auftrag: So hätte es sein sollen; so kann es sein; so muss es – wenn Glück nicht nur als Schub, sondern als Beziehung begriffen wird – wieder werden.
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Werner (Kieser)
Werner (Kieser) ist der zweite Name, und er steht für eine Mentorschaft ganz anderer Art: nicht als Ersatzvater, nicht als Lehrer der Sprache, sondern als jemand, der mich in der Welt der Methode und der Struktur erkannte – und mir damit eine Form äußerer Legitimation gab, die ich bis dahin kaum gekannt hatte.
Dass unsere Begegnung mit einem Interview begann, ist bezeichnend. Ich fragte an, Werner sagte zu, und schon in der Videokonferenz war sofort klar, dass er mich mochte. Dieses Gespräch dauerte über drei Stunden – nicht als Pflichttermin, sondern als Resonanzraum. Danach folgten E-Mails, ein regelmäßiger Austausch, und schließlich ein gemeinsames Projekt: der GYMcube als Franchise, entworfen in einer Zusammenarbeit, die weit über Geschäftliches hinausging.
Werner schickte mir sein Buch über Franchising für KMU persönlich zu; und an dieser Stelle wurde diese Mentorschaft beinahe körperlich greifbar: Der handgeschriebene Zettel mit „Liebe Grüße, Werner Kieser“ hängt bis heute bei mir an der Wand wie eine kleine Reliquie. Wer in einer Unruhe lebt, die ständig neu anfangen will, hält sich manchmal an einem Stück Papier fest, um eine Beziehung zu fixieren, die nicht aus Blut besteht, sondern aus Anerkennung.
Werner war für mich der Mentortyp „Struktur als Würde“: weniger impulsiv, weniger fliegend, mehr Wiederholung, mehr stilles Gesetz – und damit ein Gegenbild zu dem, was sich in mir so gern überschlägt. Zugleich war er erstaunlich mutig in seiner Anerkennung: Er hätte mit mir ein Personal-Training-Konzept aufgebaut, das in direkter Konkurrenz zu Kieser-Training hätte stehen können; finanziell wäre es ihm egal gewesen, symbolisch jedoch war es enorm, weil er meinen Ansatz für das bessere Training hielt.
Und er bestand auf Präzision: Geräte, nicht Maschinen – sie machen nichts von allein. In dieser pedantischen Korrektur steckt eine Ethik: Nicht das System tut es, sondern der Mensch. Sein Tod im Jahr 2021 schnitt dieses Projekt ab, noch bevor der erste sichtbare Erfolg eintrat. Und doch ist es gerade diese Unterbrechung, die Werner für mich so wirksam macht: Er hinterließ eine offene Schleife, die nicht als Frust, sondern als Zukunftstür wirkt.
Ich greife dieses Franchise heute wieder auf – nun aus einem Zustand der Zufriedenheit heraus – und mache mich nach Werners Methodik daran, gemeinsam mit KI eine moderne, digitalisierte Struktur zur Verwaltung von Franchise-Unternehmen zu bauen.
Der entscheidende Satz aber, der Werner in meinem Leben zu einer Art innerem Gegengift macht, ist sein letzter Rat, gegeben in einem Moment meiner Ungeduld:
„Seien Sie geduldig, lieber Herr Erhardt, Sie sind noch so jung und haben noch so viel Zeit.“
Ich war damals 41. Ich habe das endlich verstanden. Und wenn man das ernst nimmt, dann ist Werner nicht nur ein Mentor meiner Projekte, sondern ein Mentor meiner Zeit.
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Ulrich (Borucki)
Ulrich (Borucki) ist der dritte Name, und er ist – wie Werner – ein Mentor, den ich nicht als reine Wärmefigur erinnere, sondern als ambivalenten, zugleich unverzichtbaren Eingriff in meine Lebensform.
Schon die Eintrittstür ist typisch für diese Moderne, in der Rollen nicht sauber getrennt sind: Ulrich ist Dermatologe, aber ich begegnete ihm nicht als Hautarzt, sondern als Ernährungsberater eines Konzepts namens „Metabolic Balance“. In diesem Setting erkannte Ulrich sofort ADHS – nicht als Modeetikett, sondern als Blickdiagnose: als jemand, der etwas sah, was andere nicht sahen.
Ich lernte Ulrich 2010 kennen; 2015, als ich das Startup AGILEMENT “machte”, war meine Verhaltenstherapie bei ihm in dem Sinne abgeschlossen, wie ich damals meine Fortschritte verstand. Diese fünf Jahre waren kein abgeschlossener Therapieblock, sondern ein Labor. Ulrich lehrte mich nicht nur Techniken, sondern vor allem, nicht bei anderen Menschen “anzudocken” – und damit den ersten Schritt hin zu eigenen Bedürfnissen, Grenzen und Beziehung.
Und doch blieb Ulrich zwiespältig. Er rechnete über Jahre dermatologische Behandlungen ab, weil er die ADHS-Verhaltenstherapie nicht offiziell machte. Das war einerseits gut, weil sie überhaupt stattfand; andererseits schlecht, weil dadurch Einordnung, Kontrolle und ein größerer Rahmen fehlten. Viele Dinge ordnete er nicht richtig ein; ich verstand den großen Zusammenhang nicht.
Vor allem aber: Ulrich sah den Autismus nicht. Und so blieb nach allen Fortschritten ein Rest Fremdheit, der sich nicht dadurch erklären ließ, dass „ADHS halt so ist“ – weil ich mich, selbst im Vergleich zu anderen Menschen mit ADHS, auch zu meiner Frau, immer anders erlebte. Dieser blinde Fleck ist nicht nebensächlich. Er ist der Grund, warum Methode irgendwann an ihre Grenze kommt.
Ulrich half mir bei vielem – AGILEMENT ist hier ein direktes Ergebnis –, aber er konnte nicht alles heilen, was nach Heilung schrie, weil nicht alles Methode ist, was nach Methode schreit. Hinzu kommt eine zweite, unangenehme Modernitätsnote: Ulrich trug – nicht im Charakter, aber im medizinischen Zugriff – etwas von jenem Ansatz in sich, der im Roman Dr. Porsche zugeschrieben wird: Gewinnlogik vor medizinischer Notwendigkeit.
Und schließlich gehört auch die Temperatur der Trauer hierher. Ulrich nimmt – wie Werner – eine andere Stellung ein als Joachim und Jean. Ich sage offen, dass mich sein Tod nicht in derselben Tiefe getroffen hat. Er bleibt dennoch unverzichtbar: als der Erste, der verstand – und der mir zugleich zeigte, dass Verstehen nicht identisch ist mit Vollständigkeit.
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Jean (Rennette)
Jean (Rennette) ist als vierter Mentor derjenige, der am wenigsten „lehrbuchhaft“ wirkt – und gerade darum eine der deutlichsten Figuren in meinem psychographischen Tableau.
Joachim Goth kann man den guten Lehrer und Ersatzvater nennen: die Ordnung, die nicht knebelt, sondern hält. Ulrich Borucki war der Erste, der verstand – nicht nur in der Diagnose, sondern in der Praktik. Werner Kieser ist der Mentortypus „Struktur als Würde“: weniger impulsiv, weniger fliegend, mehr Wiederholung, mehr stilles Gesetz.
Jean jedoch ist die Ausnahmefigur, verehrte Leserin, verehrter Leser: Mentor als Wahlverwandtschaft, als Wahlzwilling, als Energie, die nicht ordnet, sondern entzündet. Dass ich mich in den Bildern aus Jeans Leben als sein Wahlzwilling erkenne, ist nicht bloß Sentiment; es ist eine präzise Selbstbeschreibung meiner Nähe zu einem Prinzip. Jean steht für das „Ich mache es, weil es noch nicht existiert“ – und damit für eine Form von Schaffen, die nicht um Erlaubnis bittet.
Die Bilder sind in diesem Sinn nicht Dekoration, sondern Beweisstücke einer Mentorenschaft, die aus Handlung besteht. Da ist das Foto mit der Zeile:
„At 18 months, Jean teaches Pierre to ski. He made the skis because they didn’t exist that small!“
Der Satz ist so beiläufig, dass er fast wie ein Witz wirkt; und doch steckt darin ein ganzes Weltverhältnis, das ich sofort als mir verwandt erkannt habe: Wenn es das Notwendige nicht gibt, baut man es. Wenn die Welt zu groß ist, macht man sie kleiner.
Ein anderes Bild trägt den lakonischen Satz: „Removing his cast with lobster scissors“. Den Gips nicht mit irgendeiner Schere selbst weggeschnitten, nein, mit Lobsterscheren. Das ist Jean in Reinform – Improvisation als Fürsorge, beingloco als Dienst am Konkreten. Wenn etwas weg muss, findet man ein Mittel. Wenn man kein Mittel hat, erfindet man eins. Und ich erkenne darin nicht nur den Mentor, sondern den Bruder im Impuls: dieses schnelle Vertrauen, dass die Welt reparierbar ist, wenn man sie nur anfasst.
Dann die Sätze „Always teaching…“ und „Always staying busy…“ – und dazu jene Bilder, in denen Jean mit Kindern arbeitet, kniet, gärtnert, baut. Busy nicht gegen die Welt, sondern für sie. Es sind Szenen, die gerade in ihrer Unspektakularität den Kern von Mentorenschaft zeigen: nicht der große Vortrag, sondern die wiederholte Geste, in der ein Kind – und ich – lernt, dass Dinge gemacht werden dürfen.
Und dann die ruhigeren Bilder, in denen Nähe und Arbeit nicht als Gegner auftreten. Jean am Telefon, ein Kind an ihn gelehnt, schlafend. Jean auf der Couch, Laptop offen, ein Kleinkind daneben. Jean am Tisch, Papier, Rechner, Stift; zwei Kinder schreiben mit. Während ich diese Bilder sehe, wird mir klar, warum sie mich so treffen: Sie zeigen eine Lebensform, in der Arbeit nicht gegen Beziehung ausgespielt wird, sondern sich in sie einfügt.
Es gibt das Bild von der „SF conference for women executives“. Hinter uns ein Schriftzug: „Create & Activate“. Jean, der zum Ausdruck bringen möchte, dass er Frauen in Führungspositionen (beginnend mit seiner Tochter Anne als seiner Nachfolgerin bei OG); ich, der ich ausdrücklich auf dem Bruch mit Thomas Mann bestehe, und auch meine verehrten Leserinnen anspreche, und nicht nur meine verehrten Leser. Ich bin überzeugt davon, dass es Thomas Mann im Jahr 2025 nicht anders machte.
Und im Laufe der Jahre immer mehr auch: Jean als öffentliche Figur, Gründer, Mentor – und ich neben ihm, nicht als Zuschauer, sondern als Beteiligter. Auf dem Foto der OG-50-Year-Celebration liegt mein Arm auf Jeans Arm. Keine Pose, keine Klammer. Zugehörigkeit.
Die innigste Verdichtung aber steckt in den beiden WhatsApp-Status-Bildern. „Ich 14:33“, „Ich 14:38“. „Sharing his many words of wisdom…“ – und darunter mein eigener Satz: „So wahr. Ich vermisse Dich, Jean, das hat sich auch 2026 nicht geändert.“ Dann noch einmal das Foto, und der Satz, der alles ausspricht:
„RIP, lieber Jean Rennette. Mein Geschäftspartner, mein Mentor, mein älterer Zwilling. Ich werde wie Du weiter direkt zum Mond fliegen, selbst dann, wenn ich noch nicht mal oben am Eiffelturm angekommen bin.“
Dass Jean im Text nicht als handelnde Figur auftritt, sondern als erzählte Präsenz, ist keine Schwäche, sondern Form. Nicht der Barbier ist der Mentor; der Barbier ist das Medium. Jean ist der Mentor – und er kommt, wie viele Tote kommen: nicht als Körper, sondern als Erzählung.
So wird Jean für mich zur Brücke zwischen beingloco und bestforming. Er steht für das Recht auf Übermut, der nicht zerstört, sondern baut; für die Erlaubnis, nicht erst „erwachsen“ werden zu müssen, um ernsthaft zu sein; und für den Beweis, dass ein Mensch zugleich Gründer und Vater, Impuls und Verpflichtung, Bühne und Küche sein kann.
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Und weil alle vier Mentoren tot sind, verstärkt sich der psychographische Druck dieses Abschnitts: Der Auftrag bleibt, aber die Instanz fehlt. Der Trost bleibt, aber die Stimme ist nicht mehr verfügbar. Daraus entsteht jene Mischung aus Dank und Schuld, aus Erlaubnis und Last, die dieses Werk – und seine Entstehung – nicht nur begleitet, sondern antreibt. Ich muss mich selbst autorisieren, weil die Autoritäten fehlen. Und ich tue es, indem ich sie in Figuren verwandle – nicht um sie festzuhalten, sondern um weiter mit ihnen sprechen zu können.
Dass diese vier Mentoren tot sind, macht meine Widmung zu einem kleinen Totenreich am Eingang des Buches. Im “Zauberberg” ist das Sanatorium ein Ort, an dem Zeit, Krankheit und Tod ständig anwesend sind – auch wenn man sich mit Tischmanieren, Diskussionen und Festen dagegen wehrt. In „Kaleidokosmos: Zauberberg, Sonnenalp und bestforming in Venedig“ ist die Sonnenalp der Ort, an dem Optimierung die Krankheit maskiert. Meine Widmung aber zeigt: Der Tod ist nicht maskiert. Er ist der stille Hintergrund, vor dem der Satz „endlich zufrieden mit mir“ überhaupt erst Sinn bekommt.
Und so bilden Widmung und Empfangshallenspruch eine Doppelklammer: Hier das entnommene – oder genauer: verschwundene – Verweilen, dort die abwesenden Mentoren. In beiden Fällen wird etwas, das beruhigen könnte, entzogen. Und genau dadurch entsteht die Energie, die dieses Werk trägt: eine Unruhe, die nicht zerstören will, sondern schaffen muss.
Teil 4 – Die Verwandlung der Mentoren in Romanfiguren
Die Mentoren sind in meinem Buch nicht nur genannt; sie sind verwandelt. Das ist ein entscheidender Punkt, weil Verwandlung eine der saubersten Formen von Literatur ist: Ich sage nicht einfach „Das war so“, ich zeige „So fühlt es sich an, wenn es so war“. Und weil ich diese vier Toten nicht als Fußnoten, sondern als innere Instanzen erlebe, musste ich sie so in den Text bringen, dass sie im Roman weiterwirken können: nicht als biografische Belege, sondern als Prinzipien, die Szenen kippen, Tonlagen färben, Entscheidungen biegen.
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Joachim (Goth) erscheint in meinem Roman nicht als Lehrergestalt mit Kreidefinger und Klassenbuch; er erscheint als Haltung, und zwar als jene seltene Haltung, die Ordnung nicht mit Druck verwechselt. Wenn ich an Joachim als Latein- und Griechischlehrer denke, denke ich nicht zuerst an Vokabeln, sondern an eine Atmosphäre: Latein „ohne Druck“, Märchen aus aller Welt, eine Bildung, die nicht knebelt, sondern öffnet. Diese Erfahrung ist in meinem Roman nicht als „Schulszene“ abgelegt, sondern als Erzähltechnik: Plötzlich stehen dort Geschichten, die wie aus einem Unterricht mitgebracht wirken, ohne Unterricht zu spielen – Chamäleon am Bergsee, Esel und Tiger vor dem Löwen, kleine Lehrstücke, die nicht dozierend sind, sondern trösten, warnen, ordnen, ohne zu bestrafen. Joachim wird für mich im Roman zum Prinzip, dass man etwas Ernstes sagen darf, ohne die Person klein zu machen, die es hören muss.
Und dann gibt es die zweite, schärfere Verwandlung, die mir selbst im Schreiben wie eine Mannsche Pointe vorkam, weil sie zugleich rührend und unerquicklich ist: Joachim wird wörtlich, indem aus der moralischen „Aufrecht-Haltung“ eine körperliche wird. In meiner Widmung steht der Satz „im Stehen sterben“, und im Text taucht Kautsonik auf, der im Stehen sterben möchte, in der Empfangshalle, im Dienst, als wäre das Stehenbleiben die letzte, würdige Form des Bleibens. Das ist keine 1:1-Übertragung, verehrte Leserin, verehrter Leser; es ist eine Übersetzung. Joachim, der mich als Schüler und später als Freund hielt, wird zur Figur des Haltens in einem Hotel, das vom Kommen und Gehen lebt. Sogar die intime Erfahrung des Griechisch-Leistungskurses – zwei Schüler, ein Lehrer, kein Publikum, nur Begegnung – findet eine stille Entsprechung in den Bibliotheks- und Gesprächsräumen meines Romans: Orte, an denen nicht „die Menge“ entscheidet, sondern das Gegenüber. Und selbst unsere gemeinsame politische Idee – platonische Demokratie, zufällig geloste Vertreter – klingt als Unterton mit, wann immer ich Zufall und Ordnung ineinander schiebe: Schaltabend, Schwelle, System-2-Ethik. Joachim ist damit nicht nur eine Figur hinter meinem Text; er ist eine Grammatik meines Textes: Ordnung als Güte.
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Werner (Kieser) wird in meinem Roman am sichtbarsten zur Figur, weil er sich zur Kunstfigur verdichten ließ – schon im Namen. Prof. Zieser ist nicht Werner Kieser, und er ist nicht Frank Zane; er ist die literarische Fusion: Körperästhetik und Systemethik, Bühne und Maschine, Disziplin und Eleganz. Wer Werner kannte, kennt auch diese besondere Mischung aus Ruhe und Hartnäckigkeit: die Beharrung, die nicht laut ist, sondern konsequent. Genau das ist Zieser in der Welt der Sonnenalp: ein Mann, der Training so erklärt, als sei es ein stilles Gesetz, und der gerade dadurch wie ein Priester der Moderne wirkt – nicht weil er Pathos hat, sondern weil er Wiederholung ernst nimmt.
Dass Werner immer auf einer Unterscheidung bestand – Geräte, nicht Maschinen; sie machen nichts von allein – ist in meinem Roman nicht bloße Pedanterie, sondern Metaphysik. Die Apparate sind überall, ja; aber ohne